Arbeiter und Agenten
„Ich kann die eine Hälfte der Arbeiterklasse mieten, um die andere Hälfte umbringen zu lassen!“ (Jay Gould, Eisenbahnmagnat, vor einem Streik 1886).
„Ich sage Ihnen, ich habe es hier mit einer gefährlichen Untergrundorganisation zu tun! Die Sprecher meiner Minenarbeiter sind Mitglieder einer irischen Bande, die sich gegen die Vereinigten Staaten verschworen haben! Ihr Name ist Molly Maguire.“
Nervös hatte der Mann dem professionellen Industriespion erklärt, in welcher Gefahr das Land schwebte; Allan Pinkerton hatte seinem Auftraggeber Franklin B. Gowen aufmerksam zugehört. Man konnte sich der Faszination dieses Finanzmagnaten nur schwer entziehen: 1869, ganze 33 Jahre alt, war Gowen zum Präsidenten der Philadelphia und Reading Eisenbahn-Gesellschaft gewählt worden. Aber in Pinkertons Augen hatte der Mann einen schweren Fehler begangen: Er hatte die gewerkschaftliche Bewegung WBA, die „Workingman’s Benevolent Association“, die 1868 gegründet worden war und zunächst für die Einführung des 8-Stunden Tages gekämpft hatte, toleriert und für seine Pläne auszunutzen gedacht: Ein paar Streiks hätten dem unverantwortlich niedrigen Preis für Kohle und der Ebbe in Gowens Kassa ein schnelles Ende bereitet…
1869 waren 95 Prozent der Minenarbeiter von Pennsylvanien Mitglied in der Gewerkschaft; Grund genug für die Betreiber der Minen, sie anzuerkennen. Am 29. Juli 1870 kam es zum ersten Mal in der Geschichte der USA zu einer schriftlichen Vereinbarung zwischen organisierten Arbeitern und den Bossen, in der die Arbeiter aber verhängnisvollerweise ihre Löhne an die Preisentwicklung der Kohle banden.
Politik mit dem Henker
1873 wurde plötzlich alles anders: Mit dem Einsetzen der großen Depression (bis 1879) ging die Zusammenarbeit von Arbeitgebern und –nehmern jäh zu Ende. Der berühmte Profi unter den Spionen sollte die Beweise besorgen, die Gowens Thesen von der Unterwanderung der WBA bestätigten und für eine Anklage ihrer wichtigsten Vertreter ausreichen sollten. Pinkerton wusste, was zu tun war, und für 100.000 Dollar Honorar würde er dem ahnungslosen Kommunistenpack schon irgendwas anhängen können…
Mehr noch als die offizielle Gewerkschaft stand Gowen eine Gruppe junger irischer Arbeiter im Wege, die sich als besonders renitent gezeigt hatte: Dieser „Ancient Order of Hibernians“ wurde flugs mit dem Phantomnamen belegt, der zum Symbol einer der größten Skandale in der Geschichte der Arbeiterbewegung wurde: „Molly Maguire“.
Gowen provozierte einen Streik, indem er Gehaltskürzungen von 20 Prozent ankündigte. Am 1 Januar 1875 begann der Ausstand – und wurde zum Krieg; Verhaftungen und Morde an Gewerkschaftlern führten vorübergehend zum Ende der Arbeiterbewegung – aber 1876 war sie wieder da. Gowen fuhr stärkere Geschütze auf: Mehrere Mitglieder des „Ancient Order“ wurden des Mordes angeklagt; der mutmaßliche Mörder kaufte sich mit falschen Anklagen frei. Sein Zeugnis war das einzige, das die Angeklagten belastete; fünf Männer wurden gehängt…
Die Liste der gehängten „Helden der Arbeit“ wurde von Jahr zu Jahr länger. Nicht nur die Justiz kapitulierte vor der geballten Macht der Industriemagnaten, auch die große Politik wurde in ihren Hinterzimmern gemacht: 1877 sorgte Tom Scott, einflussreicher Boss der „Pennsylvania-Eisenbahn“, dafür, das die Vertreter der südlichen Staaten im Kongress für den Präsidentschaftskandidaten Rutherford Hayes stimmten, obwohl der demokratische Kandidat Samuel Tilden in den Wahlen 19 Stimmen mehr bekommen hatte als Hayes. Hayes Musste Scott dafür versprechen, von diesem dringend benötigte finanzielle Unterstützung für den Aufbau der „Texas- und Pazifik-Eisenbahn“ durchzubringen…
Die 1880er Jahre waren die große Zeit der „Trusts“ und das „Big Business“. Trotz mittlerweile etablierter Arbeitervertretungen wie der „American Federation of Labour“ (AFL), traf Jay Goulds zynischer Kommentar zu: Er und seinesgleichen hatten auch genug Geld, um Menschen zu „kaufen“; 1890 verdiente ein Prozent der Reichsten des Landes mehr als 50 Prozent der Ärmsten zusammen…
1883 hatte sich die „International Working People’s Association“ einmal mehr für die Einführung des 8-Stunden Tages stark gemacht; nach erfolgreichen Streiks 1885 und 1886 hatten die „Knights of Labour“ eine Mitgliederzahl von 700.000! Die Vertreter des „Big Business“ sahen den Zeitpunkt gekommen, um den Treiben ein Ende zu bereiten. Die Gelegenheit kam am 1. Mai 1886 in Chicago.
Die Spannung war schon in den vorausgegangenen Monaten spürbar: Der 1. Mai sollte zur großen Kundgebung geraten, etwa 80.000 Arbeiter allein in Chicago gingen auf die Straße, um ihrer Forderung nach dem 8-Stunden-Tag Nachdruck zu verleihen. Alles verlief friedlich. Am 2. Mai, einem Sonntag, fand am Abend ein Treffen von Frauen aus der Arbeiterschaft auf dem Haymarket Square statt. Albert Parsons, ein einflussreicher Gewerkschaftler, sprach bis 10 Uhr Abends auf der Veranstaltung, als plötzlich 180 bewaffnete Polizisten Aufstellung nahmen und die Auflösung forderten.
„Wir sind friedlich!“ rief Parsons, doch da erfolgte eine Explosion, und ein unbeschreibliches Chaos setzte in der Dunkelheit ein. Dass der mutmaßliche „agent provocateur“, der im Auftrag der Gewerkschaftgegner die Bombe in Haymarket auf die Polizisten geworfen hatte, gefunden wurde, änderte nichts am geplanten Ablauf. Erneut musste die Verschwörungstheorie herhalten, um den Protagonisten der Arbeiterbewegung den Prozess zu machen. Die Verkündung der Todesurteile für Parsons, Spies, Fischer und andere geschah am 9. Oktober 1886… Die Bombe von Haymarket hatte die Uhren im Kampf um gerechterer Arbeitsbedingungen und Löhne um Jahre zurückgedreht.
In der Folge dominierte das Gewerkschaftskonzept der „American Federation of Labour“, das im Vergleich zu den europäischen, sozialistisch beeinflussten Gewerkschaftsbewegungen extrem unpolitisch wirkte. Eine gesellschaftliche Utopie blieb den amerikanischen Gewerkschaften denn auch bis heute fremd; man zielte wesentlich auf eine enge Kooperation zwischen Kapital und Arbeit ab. Zudem vertrat die AFL lediglich den privilegierten Teil der Arbeiterschaft; an- und ungelernte Arbeiter hatten kaum eine Chance auf Mitgliedschaft.
Warum gab und gibt es in den USA keinen Sozialismus, keine ihn vertretende Partei oder zumindest sozialistische Arbeiterschaft? Bereits 1906 forschte Werner Sombart darüber und kam zu zwei Hauptgründen: Erstens sah er die Möglichkeit der „vertikalen Mobilität“: Die Chancen, aus seiner Klasse herauszukommen, waren für den Arbeiter in den USA größer als in Europa. Zweitens gab es eine enorme „horizontale Mobilität“: Die Wandermöglichkeit, insbesondere in den Westen, befreite offenbar von zu großem Druck. Amerika ermöglicht Aufstieg für jene, die in den starren Strukturen Europas hängen geblieben wären; es kennt aber auch Abstiege, die in Europa als Absturz erlebt würden!
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© 2005 by Charles Löffler