Aufbruch ins 20. Jahrhundert
Detroit 1907: „Stellt das Grammophon ab, Kinder! Vater will eine Ansprache halten!“ Schon zum dritten Mal versucht Milly Shutt, die Mutter der Braut, die ausgelassene Hochzeits-Gesellschaft zum zuhören zu bewegen….
Der Beginn der Rede geht noch immer im Tumult unter, doch dann setzt sich die kräftige Stimme des Mannes mit dem gewachsten Schnurrbart durch: „… Ihr habt nicht nur die Gewissheit des ewigen Heils nach diesem Erdenleben, nein, ihr dürft bereits hier nach den Sternen greifen! Wir sind schließlich in Amerika! Schickt eure Kinder auf eine gute Schule und vergesst nicht: Der ärmsten Junge kann Präsident werden – und wenn schon nicht Präsident, so doch immerhin Senator, Gouverneur oder Richter. Denkt nur an die Illustriertenbilder mit den modisch gekleideten Damen und den fabelhaft reichen Herren: Sie alle waren Menschen wie du und ich, bis sie auf die Idee kamen, nützliche Dinge herzustellen, die uns den Alltag erleichtern und die den Lebensstandard Amerikas zum höchsten in der ganzen Welt gemacht haben. Cheers!“
Die festlich gekleideten Hochzeitsgäste stoßen mit orangensaftgefüllten Sektgläsern an, denn die Familien des frischvermählten Paares gehören zu den „Wahren Gläubigen“, einer evangelischen Sekte, die Alkoholgenuss streng untersagt…
Schon am nächsten Tag treten Mary und John Peterson – sie Stenotypistin, er Automechaniker in Fords Fabrik – ihre Hochzeitsreise zu den Niagarafällen an. Dort lassen sie sich fotografieren, das großartige Naturschauspiel im Hintergrund. Das Bild ist fürs Familienalbum bestimmt; ihre Urenkel werden es noch anschauen können…
1912: „Wenn ich dich richtig verstanden habe, John, dann wurden Autos bisher wie Häuser gebaut, nämlich an einem Ort.“ Mary interessiert sich sehr für die Arbeit ihres Mannes, der es zum Vorarbeiter in Henry Fords Fabrik gebracht hat.
„Genau, Mary, bis jetzt standen sich die verschiedenen Arbeitsmannschaften dauernd im Weg. Das kostete Zeit – und Zeit ist Geld!“
„Und dann bist du auf die Idee mit den gleitenden Tischen gekommen …“ Bewundernd blickt die junge Frau ihren John von der Seite an.
„Na ja“, räumt John verlegen ein, „bei General Motors sollen schon ähnliche Experimente laufen, aber jedenfalls habe ich mir überlegt: Statt die Männer zur Arbeit zu schicken, wäre es doch viel einfacher, die Arbeit zu den Männern zu bringen. Und Henry Ford war begeistert “
Zwei Wochen später wird „Johns Idee“ in die Tat umgesetzt. Henry Ford beginnt das Experiment bei der Zusammensetzung von Schwungradmagneten – einer kleinen, aber diffizilen Arbeit. Bisher hat ein Mann in 20 Minuten einen Magneten bauen können, jetzt wird die Arbeit auf 29 Leute aufgeteilt. Die Männer sitzen an gleitenden Tischen – bald „Fliessband“ genannt – und warten auf die Magneten, die langsam an ihnen vorbeirollen. Jeder Arbeiter ist nur für einen bestimmten Handgriff zuständig, und statt in 20 Minuten ist der Magnet jetzt in 13 Minuten, 10 Sekunden zusammengesetzt!
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© 2005 by Charles Löffler