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Ins gelobte Land

Aus dem Tagebuch einer Einwanderin

7. Mai 1892: Endlich auf dem Meer, endlich auf dem Weg! Groß ist unsere Hoffnung: Auf dem Spülwasser amerikanischer Familien soll mehr Fett schwimmen als bei uns in der Suppe, haben wir gehört.

Aus unserem kleinen Dorf an der Elbe sind wir die fünfte Familie, die dieses Wagnis eingegangen ist. Seit langer Zeit dachten wir an Auswanderung; vor allem in den Jahren der Not. Jetzt sind die Zeichen zwar besser geworden, weil etliche Bauernsöhne in die Städte arbeiten gehen. Trotzdem: Wir wagten den Sprung, als Werber einer Eisenbahngesellschaft zu uns kamen. Es klang so viel versprechend, was sie sagten.

Karl und ich, wir waren dennoch voller Wehmut, als das Schiff Hamburg verließ – von den drei Kindern ganz zu schweigen. Ziemlich enttäuscht waren wir, als nach der langen Kahnfahrt nach Hamburg das Schiff sahen, auf dem wir nach Amerika reisen sollten. Es ist nicht die „Kronprinz Wilhelm“ von der uns die Werber einen so schönen Prospekt gezeigt haben. Auch ist es nicht angenehm, mit tausend anderen Menschen zusammengepfercht zu sein. Das Dröhnen der Maschinen ist fürchterlich. Aber wir wollen uns nicht beschweren, schließlich hat die Eisenbahngesellschaft die Schiffskarte vorgestreckt. Und sechs Tage Fahrt werden wir wohl überstehen.

17. Mai 1892: Zehn Tage sind wir schon an Deck. Ein Matrose sagte, dass wir vermutlich die Hälfte der Überfahrt hinter uns haben. Aber ich bezweifle, dass wir alle wohlbehalten in Amerika ankommen werden. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal etwas essen konnte. Louise ist mit ihren sieben Jahren am schwächsten, sie kommt überhaupt nicht mehr auf die Beine. Das Schiff schlingert tagein, tagaus; die Wucht der Wellen lässt alle Planken erzittern. Entsetzlich ist der Gestank von Urin und von Erbrochenem unter Deck… Oh Gott, warum nur haben wir uns auf dieses Abenteuer eingelassen? Haben wir gefrevelt mit unserem Wunsch nach einem besseren Leben?

Neuer Name, neuer Anlauf

26. Mai 1892: 19 Tage nach der Abreise von Hamburg sind wir endlich in Amerika gelandet. Das Schiff ankerte im Hafen von New York; eine Fähre brachte uns nach Ellis Island. Das ist die Insel, die alle Einwanderer passieren müssen. „Insel der Hoffnung“ heißt sie bei den einen, „Insel der Tränen“ bei anderen. Denn hier entscheidet sich, wer ins gelobte Land einreisen darf…

Daheim hatten uns die Werber von der Eisenbahngesellschaft eingetrichtert, bei der Einreise ja nichts von Karls Arbeitsvertrag zu sagen. Sonst würden wir zurückgeschickt. Vor der Befragung mussten wir erst eine ärztliche Untersuchung bestehen. Die Ärzte besahen sich unsere Hände und blickten uns in den Rachen. Danach malten sie jedem mit Kreide ein Kreuz auf den Mantel. Anschließend wurden wir eine Treppe höher geleitet, zu den anderen Ärzten. Das war dann wirklich unangenehm, vor allem die Untersuchung der Augen. Aber wir haben sie alle fünf ohne Probleme hinter uns gebracht.

Komisch ist freilich, dass wir nun einen neuen Namen haben: Als der Inspektor wissen wollte, wie wir heißen und wir mit „Kohlburger“ antworteten, hat er die Stirn gerunzelt. In den Papieren, die wir ausgehändigt bekamen stand schließlich „Callburger“.

5. Februar 1893: Wenn doch nur endlich diese Schneestürme aufhören würden! Unerträglich ist das Leben zu dieser Jahreszeit hier im Arbeitercamp. Der Frost lässt den Boden steinhart werden, und keinen Meter kann der Bau der Eisenbahn vorangetrieben werden. Es gilt deshalb auch keinen Lohn, und wir müssen auf das Geld zurückgreifen, das Karl zuvor verdient hat. Viel ist nicht übrig geblieben, denn Karl musste ja die Schiffsfahrkarten abzahlen.

Zusammen mit drei anderen Familien hausen wir in einer Holzbaracke und zahlen dafür zwei Dollar im Monat. Die Kinder nörgelten ständig aus Langeweile. Wir losen jeden Tag aus, wer von den Männern zwei Meilen zum Brunnen geht, um Wasser zu holen. Wenigstens können Karl und die anderen Männer ausruhen. Das Jahr war anstrengend genug für sie gewesen: Jeden Tag bei Sonnenaufgang hinaus, um Bahnschwellen zurechtzuzimmern und zu verlegen, als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen. Abgekämpft kamen sie bei Sonnenuntergang zurück. Zu Hause war es leichter gewesen, sein Brot zu verdienen!

8. Oktober 1893: Gut eineinhalb Jahre lang sind wir jetzt schon im „gelobten Land“. Enttäuschungen sind nicht ausgeblieben. Das Schlimmste ist: Karl hat seinen Job verloren! Denn seine Eisenbahngesellschaft hat Konkurs angemeldet. Was soll jetzt nur werden? Als Schreiner will Karl nun arbeiten, das hat er inzwischen gelernt. In unserem kleinen Dorf an der Elbe erntet man jetzt wohl die Kartoffeln. Es war immer so schön, am Abend am Ufer zu sitzen und den Kähnen zuzusehen, die flussabwärts zogen. Man war geborgen…

27. Mai 1894: Wir sind vorgestern in Milwaukee angekommen. Ich glaube, dass wir hier den Neubeginn schaffen werden. Wir hatten die Adresse ehemaliger Nachbarn, die sich hier vor fünf Jahren niedergelassen haben. Sie nahmen uns tatsächlich auf, vorübergehend. Sieben von zehn Einwohnern der Stadt sind deutscher Abstammung. In der Nachbarschaft hat ein Fenster- und Türenmacher sein Geschäft, Karl hat dort schon wegen Arbeit vorgesprochen. Auch ich werde versuchen, etwas hinzuzuverdienen. Wie ich höre, suchen Schneidereien Näherinnen. Im Oktober wird unser viertes Kind zur Welt kommen. Wie das klingt, wenn das Kind einmal wird sagen können: Ich bin in Amerika geboren…

Rund 5,9 Millionen Deutsche wanderten zwischen 1820 und 1930 in die USA aus; 1846 bis 1857, 1864 bis 1873 und 1880 bis 1893 waren die Spitzenzeiten. Gegen Ende des Jahrhunderts kamen dann vor allem Einwanderer aus Süd-, Südost- und Osteuropa in die USA. Damit nicht durch die neuen, billigen Arbeitskräfte die Löhne eingesessener Arbeiter verdorben würden, durfte ab 1885 niemand mehr mit einem Arbeitsvertrag einreisen.

Neuankömmlinge sollten zugleich aber auch nicht hilfsbedürftig sein. Nach 1904 musste deshalb jeder Einwanderer den Besitz von zehn Dollar nachweisen. 1909 wurde der Einreisepreis auf 25 Dollar angehoben, jeder musste außerdem eine Fahrkarte bis zum Bestimmungsort vorweisen. Eine weitere Hürde gab es seit 1917: Nun mussten alle Ankömmlinge aus Europa beweisen, dass sie lesen konnten…

 

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© 2005 by Charles Löffler


Letztes Update: 02.10.2006


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