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Ausgriff - Vom "Hinterhof" zum Pazifik

Blick nach Asien

Schon damals erklärte Außenminister Seward (also nicht erst die Präsidenten Bush oder Clinton!), Amerika müsse sich eher dem Pazifik als dem Atlantik zuwenden, um sein „Informal Empire“ auf den riesigen asiatischen Absatzmarkt auszudehnen: Kalifornien galt als Sprungbrett nach China, und die erzwungene Öffnung der japanischen Häfen durch Kapitän Perry im Jahre 1854 wies in dieselbe Richtung. Perry sprach auch schon davon, die Inselgruppen des Stillen Ozeans in Beschlag zu nehmen. Und dann boten die Russen aus Geldnot, und weil diese Kolonie keinen Gewinn abwarf, Alaska den USA 1867 zum Kauf an: 1,5 Millionen Quadratkilometer wechselten um lächerliche 7,2 Millionen Dollar den Besitzer! Manche unkten, durch „eine ungeheure Narrheit“ sei „Sewards Eiskasten“ oder auch ein „Walroßland“ an die USA gekommen. Doch der Außenminister hatte die besseren Argumente auf seiner Seite: Das Gleichgewicht in Nordamerika war gegen Kanada/England zugunsten der USA verändert, die (damals) freundschaftlichen Beziehungen zu Russland blieben gewahrt, die Oberhoheit im Pazifik rückte ein Stück näher – und damit die Öffnung Ostasiens für US-Produkte! Mit Europa hatte man ansonsten in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg nicht viel im Sinn, denn weder wurde man von dort mehr bedroht, noch wollte man etwas von den Europäern…

Zur Verbindung mit dem interessanten Markt Australien brauchte man aber eine Zwischenstation in der südlichen Hemisphäre. Dafür bot sich Samoa an, das außerdem viele Kokosnüsse, die Grundlage für Ölgewinnung und Viehfutter, besaß. So entstand in den 1880er Jahren ein handfestes internationales Problem, denn auch England und Deutschland hatten dort seit einiger Zeit gewichtige Interessen. Da die einheimische Südsee-Regierung nicht funktionierte, einigten sich die USA und Kaiser Wilhelm II. 1899 nach manchem Hin und Her auf eine Aufteilung: Die USA bekamen die Insel Tutuila mit dem guten Hafen Pago Pago, die Deutschen den Rest, die Inseln Sawaii und Upolu.

Da ferner die Zuckerindustrie auf das in Hawaii angebaute Zuckerrohr angewiesen war, schlossen die USA mit diesem Inselstaat 1876 einen Vertrag, der ihm eine selbstständige Außenpolitik untersagte (das traf auch die Briten) und die Einfuhr von Zuckerrohr nach Amerika für zollfrei erklärte. Dafür hingen die Produzenten in Hawaii nun von den US-Preisen ab. Die Einheimischen auf den Inseln wurden durch japanische Gastarbeiter ersetzt, und man musste befürchten, dass deshalb eines Tages das Kaiserreich die Inseln annektieren würde. Also setzten die amerikanischen Plantagenbesitzer, denen die einheimische Monarchie lästig wurde, durch einen Staatsstreich 1893 in Hawaii die Republik durch, und anschließend bat die neue Regierung um Annexion. Präsident Cleveland verweigerte dies jedoch, da er die Autorität der Regierung nicht den Interessen einiger Zuckerbarone opfern wollte.

Die „vulgäre Gier“ nach Übersee

Aber dann kam der Krieg mit Spanien, und durch diesen fielen die Philippinen an die USA. Die Dampfschiffe von damals brauchten Zwischenstationen zum Bunkern von Kohle, und daher musste zwischen San Francisco und Manila Hawaii nun doch einverleibt werden – zumal die Japaner auf der Insel zu lärmen begannen, sie wollten den Anschluss an ihr Mutterland. Als Präsident McKinley am 7. Juli 1898 Hawaii zum US-Territorium erklärte, bezeichneten das Regierung und Opposition gleichermaßen nicht als Imperialismus, sondern als notwendigen Akt wirtschaftlicher Expansion. Hinter Hawaii winkte China, bei dessen Aufteilung in „Interessensphären“ die USA nicht zurückstehen wollten. Wer den Asienhandel kontrollierte, so meinte man in Amerika, habe die Weltherrschaft! Mit der erwähnten Haarspalterei war jedenfalls das gute Gewissen gerettet.

Auch der Krieg von 1898 hatte mit Zucker zu tun: Die Spanier bekämpften einen aufstand in Kuba, indem sie die dortigen Zuckerrohrplantagen und Äcker niederbrannten, um die Rebellen auszuhungern. Präsident McKinley sandte das Schlachtschiff „Maine“ nach Havanna, um die US-Bürger und das US-Kapital im Lande zu schützen. Im Februar 1898 explodierte das Schiff in Hafen; 260 Amerikaner kamen dabei ums Leben. Die USA proklamierte im April die Unabhängigkeit Kubas, worauf Spanien den Krieg erklärte. Im August war Spanien auf Kuba geschlagen, und Admiral Dewey eroberte nach einer gewonnenen Seeschlacht Manila.

Die Spanier bekamen für die Philippinen immerhin noch 20 Millionen Dollar. Nur eine prominente Stimme in den USA, Richter Gray, wandte sich gegen die Einverleibung der Inselgruppe: „Wir sollten nicht der egoistischen und vulgären Gier folgen, die Europa aus mittelalterlichen Zeiten geerbt hat!“ Alle Entscheidungsträger und die öffentliche Meinung waren jedoch mit dieser Gier einverstanden…

Dies den Verlust der außenpolitischen Unschuld zu nennen, wäre allerdings eine Übertreibung. Denn schon Adams hatte 1823 gesagt, dass Amerika eine ganze Hemisphäre für sich besitze: „Die Annexion Kubas ist für das Fortbestehen und den Zusammenhalt der Union eine unverzichtbare Aufgabe.“ Nun ja, annektiert wurde Kuba nicht, aber der außenpolitische Handlungsspielraum der neugegründeten Republik Kuba unter US-Patronat wurde deutlich beschnitten. Die USA erhielten die Marinebasis Guantanamo sowie Interventionsrechte „im Falle innerer Unruhen“…

 

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© 2005 by Charles Löffler


Letztes Update: 03.10.2006


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