Der Weg in den Krieg
Larry grinste nicht ohne Schadenfreude bei dem Gedanken an die sagenhaft schlechten Funkübertragungen aus Deutschland, die für die Zeitungsmacher nicht verwendbar waren. Die Fülle der Informationen aus Großbritannien dagegen überschwemmte den amerikanischen Zeitungsmarkt.
Wichtiger als jede Propaganda war für die englische Seite jedoch die Unterstützung durch die amerikanische Wirtschaft. Traditionellerweise gingen die mächtigen Wirtschaftsbosse ihre eigenen Wege, und liefen nicht nur der Sympathien wegen, sondern mehr noch wegen der von England verhängten Kontinentalsperre in Richtung britische Inseln und Frankreich. Nichts kam der rezessionsgebeutelten US-Wirtschaft gelegener als das Geschäft mit dem Krieg: 1914 bezogen Großbritannien, Frankreich und Italien Waren aus den USA im Wert von 800 Millionen Dollar, zwei Jahre später für 2,6 Milliarden! Damit die Waren auch bezahlt werden konnten, sah sich die US-Regierung bald genötigt, die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe aufzugeben. US-Außenminister Bryant hielt zwar die Ausgabe von Anleihen an Kriegsführende mit der Neutralität für unvereinbar, doch im Interesse der Wirtschaft drückte die Regierung beide Augen zu.
Die Vereinigten Staaten wurden so Schritt für Schritt in das Kriegsgeschehen verwickelt. Als die deutsche Heeresleitung im Februar 1915 auf die Seeblockade mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg reagierte, torpedierte sie gleichzeitig mit den feindlichen Handels- und Kriegsschiffen auch die amerikanische Wirtschaftskonjunktur. Dabei konnte Wilsons Pochen auf Einhaltung des internatio-nalen Seerechts, nach dem die vorwarnungslose Versenkung von Handelsschiffen geächtet war, die Parteilichkeit der Amerikaner nur notdürftig bemänteln. Schließlich war auch die englische Seeblockade völkerrechtswidrig, ebenso der Missbrauch neutraler Flaggen durch die Entente …
Die offizielle Protestnote, die den U-Boot-Krieg als inhuman und illegal verurteilte und die „strikte Haftbarmachung“ Deutschlands für alle Verluste an amerikanischen Menschenleben und Besitz ankündigte, kam einer Kriegsdrohung schon recht gleich und schränkte den Handlungsspielraum der US-Regierung beträchtlich ein.
Vielleicht, so überlegte Larry, hatte sich Amerika damit zu weit aus dem Fenster gelehnt. Nun musste das Land darauf achten, sein Gesicht nicht zu verlieren. Brenzlich wurde die Situation, als die ersten Negativschlagzeilen aus Europa eintrafen: „Passagierschiff Lusitania vor Irland versenkt!“ stand am 7. Mai 1915 auf den Titelseiten. Debster dachte an die unzähligen Überstunden und Nachtschichten, die er an diesen brisanten Tagen hatte einlegen müssen. 128 Amerikaner waren beim Untergang ums Leben gekommen und lösten einen Aufschrei der Empörung aus. Dass die deutsche Botschaft vor einer Mitfahrt auf diesem Schiff gewarnt hatte, das neben Passagieren auch eine gehörige Ladung Munition transportierte, wurde dabei gerne übersehen.
Doch wie sollten die Vereinigten Staaten auf weitere U-Boot-Attacken reagieren? „Versenkung der ‚Arabic’ reißt zwei Amerikaner in den Tod!“ war im August 1915 zu lesen; ein knappes halbes Jahr später folgte die nächste Todesmeldung: „Französisches Passagierschiff Sussex im Kanal gesunken!“ Nach dieser Versenkung forderte die US-Regierung ultimativ die Einstellung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges. Die Deutschen gaben tatsächlich nach, doch die Kriegsgefahr war für Amerika damit nicht gebannt. Mit dem Wahlslogan „Er hielt uns aus dem Krieg heraus!“ gewann Wilson zwar die Wahlen von 1916, aber der Traum von der Neutralität war ausgeträumt.
Das Jahr 1916 wurde zum Jahr der Aufrüstung: Die Armee wurde gehörig aufgestockt, die Navy für rund 313 Millionen Dollar hochgepäppelt, und vor allem wurde für kommende Kriegszeiten mit Paraden und Tschinderrassabumm Stimmung gemacht.
Das Scheitern der amerikanischen Friedensbemühungen und die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch Deutschland setzten die US-Regierung unter Zugzwang, und am 4. und 6. April 1917 stimmten Senat und Repräsentantenhaus für den Eintritt Amerikas in den großen europäischen Krieg.
Bei den Gedanken an Krieg hatte Larry Debster immer schon Magendrücken bekommen. Das bedeutete staatlich kontrollierte Kriegswirtschaft, allgemeine Wehrpflicht und auch Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit. Der seriöse Setzer erschauderte bei der Erinnerung an die Hetzkampagnen der Boulevardblättchen gegen alles, was irgendwie nach Deutschland roch. Selbst das Wort „Sauerkraut“ wurde mancherorts aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt und durch „Freiheitskohl“ („liberty cabbage“) ersetzt. Der für die Kampagne zuständige Journalist George Creel wurde nicht müde, seinen Landsleuten die Kriegsziele der USA einzutrichtern und sie für die „gute Sache“ zu begeistern. Schließlich zog man für mehr Demokratie und Gerechtigkeit zu Felde!
Mit missionarischem Eifer und der ganzen Macht seines Industriekapitals warf sich Amerika in den Krieg und brachte die Wende auf den europäischen Kriegsschauplatz. Die Truppen mussten zwar erst noch in Frankreich trainiert werden, doch bei der Abwehr der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 waren die „Yankees“ schon mittenmang dabei. Bis Mitte 1918 standen rund eine Million US-Soldaten im Herzen Europas; der Ausfall der Russen durch den Frieden von Brest-Litowsk war damit mehr als wettgemacht. Gleichzeitig lähmten die Operationen der US-Marine die Schlagkraft der deutschen U-Boot-Waffe, so dass ein Ende des Krieges in Sicht kam. Am 11. November 1918 musste das Deutsche Reich den Waffenstillstand unterzeichnen; Amerika war im Siegestaumel, „Victory, Victory, Victory!“ titelte euphorisch der „Manhattan View“. Nun fühlte sich Präsident Wilson auch berechtigt, die Nachkriegsordnung in Europa in die Hand zu nehmen!
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© 2005 by Charles Löffler