Die indianische Tragödie – letzter Akt
Die Zeit zwischen 1870 und 1920 darf getrost als „das traurigste Kapitel der indianischen Geschichte“ bezeichnet werden. Der Gleichmut der Ureinwohner wurde durch das Ausmaß der Demütigungen aufs äußerste strapaziert.
Die indianische Religion wurde von den Behörden verboten; den Kindern redete man ein, sich ihrer den alten Bräuchen treu bleibenden Eltern zu schämen; in vielen Reservationen herrschte eine Atmosphäre von Zwangslager; Hunger war der ständige Begleiter…
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts organisierte Dr. Joseph K. Dixon, ein Mitarbeiter des Büros für Indianische Angelegenheiten (BIA), die „Letzte Große Indianische Ratsversammlung“. Diese fand im September 1909 im Little Horntal in Montana statt; an ihr beteiligten sich 21 bedeutende Häuptlinge, Pfadfinder und Krieger – Sioux, Crow, Gros Ventres, Kiowa, Cheyenne, Comanchen, Blackfoot und Apachen. Ihnen allen gemeinsam waren die Erinnerungen an eine für die Indianer bessere Zeit:
Den Prärie-Stämmen war es seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts profitabel erschienen, die immer häufiger auftauchenden Weißen mit Bisonfellen zu beliefern. Für jeden zusätzlich erlegten Bison konnten sie sich Gewehre, Tabak, Whiskey und andere Waren verschaffen. Man schätzte den Bestand auf über 120 Millionen Tiere. Um 1840 wurden jährlich rund 100.000 Bisonfelle in den Osten verkauft. Zur intensiven Bejagung durch die Indianer kam schon bald das „Jagdfieber“ des weißen Mannes, der die Tiere mit verheerender Gründlichkeit abschlachtete.
Nach dem Bürgerkrieg setzte endgültig das große Schlachten ein. Die organisierte Vernichtung ganzer Herden beeinträchtigte die regelmäßigen Wanderungen der Bisons. Dadurch waren die Prärie-Indianer wiederum gezwungen, ihre traditionellen Jagdgründe zu verlassen. Aber wohin die Indianer auch zogen, die „weiße Zivilisation“ – Jäger, Soldaten und Pioniere – folgte ihnen. Sioux Häuptling White Cloud bemerkte treffend: „Wo immer die Weißen sich niedergelassen haben, ist der Bison fort, und die roten Jäger müssen Hungers sterben!“ Um 1885 war der Bison praktisch ausgerottet.
Widerstand der Verzweifelten
Die weiße Zivilisation ist über die Indianer und alle ihnen zugesicherten Rechte hinweggegangen. Aber die roten Völker verteidigten ihre Jagdgründe erbittert: von 1855 bis an die Schwelle des 20. Jahrhunderts gab es mehr als 30 schwere „Indianerkriege“, die zum Teil nur unter größten Verlusten vom US-Militär geendet werden konnten.
Der Bau der Union-Pacific-Eisenbahn war der Auftakt: Die Indianer, allen voran die Sioux, wehrten sich gegen die Flut der weißen Farmer, die entdeckt hatten, wie fruchtbar der früher als wertlos angesehene Prärieboden war. Seitdem drangen Planwagen von den einsamen Bahnstationen der Transkontinental-Linien bis an die Quellen des Missouri vor. Auch in den Nordwesten zogen Tausende von Siedlern, Goldsuchern und Holzfällern.
Das Heimstättengesetz von 1862 gab jedem das Stück Land, das er fünf Jahre bebaut hatte, zum freien Eigentum – Land, das wenige Jahre zuvor noch den Indianern gehört hatte. Die neuen Siedler hatten es unendlich leichter als die früheren Pioniere, um zu ihren Heimstätten zu kommen: Die Eisenbahnen rissen sich um sie, und die Bundestruppen schafften ihnen die Indianer aus dem Weg, im Norden die Sioux, im Süden die Comanchen und Apachen. Seit 1871 gab es die Bundesregierung auf, den äußeren Schein zu wahren und Verträge mit den Indianern abzuschließen, die man ja doch nicht hielt. Sie wurden zu „Mündeln der Nation“ erklärt, die man nach Belieben enteignen konnte. Die „Reservationen“, in die man sie konzentrierte, wurden ihnen prompt wieder abgenommen.
Die Cheyenne, durch eindringende Goldgräber in Colorado überrannt und ihrer Jagdgründe beraubt, wurden von General Sheridan „befriedet“. Die „Spezialität“ des Generals waren Winterfeldzüge, wie etwa das Massaker am Washita (27. November 1868), wo sich die Soldaten auf ein schlafendes Cheyennelager stürzten. Das Ergebnis waren 100 getötete Männer, 50 tote Frauen und noch mehr tote Kinder. Der Befehlshaber der „siegreichen Truppe“, Oberstleutnant George Armstrong Custer, stieg zum Nationalhelden auf. Vielleicht wäre er, wie General Grant, sogar Präsident geworden. Doch im entscheidenden Augenblick verließ ihm das sprichwörtliche „Custer-Glück“: Beim Versuch, den Widerstand der Sioux zu brechen, geriet Custer am 25. Juni 1876 am Little Big Horn River an ein Sonnentanzlager der vereinigten Dakota und Northern Cheyenne. Teile des berühmt-berüchtigten 7. Kavallerie-Regiments, insgesamt rund 250 Mann, fanden in der zweitägigen Schlacht den Tod. Obwohl die Niederlage durch Custers persönlichen Leichtsinn verschuldet wurde, ist in der Folge der Ruf nach „Rache für Custer“ nicht verstummt.
Nach weiteren Gefechten mussten auch die Sioux vor der militärischen Übermacht kapitulieren und wurden in ohnehin schon zusammengeschmolzene Reservate gepfercht. Jeder erwachsene Indianer dort erhielt pro Woche eine Ration von 1 ½ Pfund Rindfleisch oder ½ Pfund Schinken, ½ Pfund Mehl und ½ Pfund Mais – sowie 3 Pfund Bohnen, 4 Pfund Kaffee und acht Pfund Zucker pro 100 Rationen. Außerdem sollten sie Saatgut und landwirtschaftliche Geräte sowie einen warmen Anzug pro Jahr bekommen. In der Praxis funktionierte dieses System nie; nicht nur wegen der Korruption der Beamten, sondern auch auf Grund der Schwerfälligkeit der Indianerbehörde.
Herbst 1890 wurde Militär eingesetzt, um einen angeblichen Aufruhr niederzuschlagen – die religiöse Geistertanzbewegung. Am 29. Dezember 1890 wurden am Wounded Knee Creek vom 7. Kavallerieregiment, das es noch immer nach Rache gelüstete, unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt. Von den 350 Indianern überlebten nur etwas mehr als 50 dieses Massaker. Der Indianerkrieg war damit faktisch beendet.
Im Südwesten waren die 1870er und 80er Jahre von fast ununterbrochenen Kämpfen gegen die Apachen erfüllt. Kühne Führer wie Cochise, Victorio, Nana und Geronimo machten den Unions- und mexikanischen Truppen viel zu schaffen – gerade 50 Männer, Frauen und Kinder im „Kampf“ gegen 5.000 Soldaten! Erst im Herbst 1931 (!) fand in Mexico die letzte organisierte Menschenjagd auf Apachen statt. Und erst am 2. Juni 1924 ließ sich die US-Regierung herab, den Indianern das Bürgerrecht zu geben – nachdem man den Eingeborenen so gut wie alles, was sie besaßen, entwendet hatte.
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© 2005 by Charles Löffler