Er war der reichste Mann der Welt: bewundert, verhasst, eine Legende. Karikaturisten zeichneten ihn gerne als Polypen, der mit unzähligen Armen seine Landsleute auspresste, das kleine, faltige Gesicht mit der Adlernase zur Grimasse verzogen. Erst nach seinem Tode – er erreichte das biblische Alter von 97 Jahren – ging er in den amerikanischen Mythos ein: ein Märchen in mehreren Akten, Titel: „Vom Tellerwäscher zum Milliardär“
1. Akt: Kredit für einen Minderjährigen
John D. Rockefeller wurde am 8. Juli 1839 in einem schäbigen Farmhaus in Coney Island geboren. Sein Vater war ein Schieber, Spekulant und Scharlatan, der die kleinen Städte des Westens bereiste und sich so anzukündigen pflegte: „Dr. William A. Rockefeller, der berühmte Krebsspezialist. Nur einen Tag in dieser Stadt! Alle Krebsleiden werden geheilt, außer den allzu fortgeschrittenen. Und selbst diese werden beträchtlich gelindert.“Eines Morgens klopfte der Sheriff an die Tür der Rockefellers und beschlagnahmte die wenigen Habseligkeiten; der Alte hatte sich durch die Hintertür aus dem Staub gemacht. Hin und wieder schlich er sich nächtens ins Haus und erzählte seinem staunenden Sohn faszinierende Geschichten aus der Geschäftswelt. Ansonsten hatte der Junge es mit seiner streng gläubigen Mutter zu tun, die ihm – so erzählte er später – entscheidende Lebensregeln mitgab: „John, versprich mir, dass du dich immer an die Gesetze des Herrn halten willst: nicht trinken, fluchen, rauchen, spielen und dich nicht mit den Weibern einlasse…“ Ich versprach es, und dann sagte sie: „Wenn du dieses vor Gott gegebene Versprechen einhältst, dann wird er dich mit Reichtum segnen und vor allen Menschen auszeichnen!“
Der kleine John verließ mit 16 Jahren – trotz oder wegen überragender Leistungen – die Handelsschule mit den Worten: „Ich habe genug vom Lernen, jetzt will ich Geld verdienen!“ Aber das war im krisengeschüttelten Cleveland/Ohio gar nicht so leicht. John D. schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, vielleicht war er sogar Tellerwäscher. Schließlich lungerte er so lange vor dem Chefzimmer von Hewitt & Tuttle herum, bis ihn der Boss als Hilfsbuchhalter für 50 Cents pro Tag einstellte. Drei Jahre später – inzwischen zum Buchhalter aufgestiegen – verlangte er 800 Dollar im Jahr, sein Chef bot ihm die stolze Summe von 700 Dollar. „Ich verlange 800. Ich weiß, dass ich der Firma mehr einbringe“, entgegnete der 19-jährige und meinte dann: „Ich vergeude Ihre und meine Zeit. Ich kündige!“Zusammen mit dem Engländer Clark gründete John D. eine Gemischtwarenhandlung, in die er all sein Erspartes, 2000 Dollar, einbrachte. Aber für seine ehrgeizigen Pläne brauchte er noch einmal soviel Kredit von der Bank. Das sichere Auftreten des nicht einmal volljährigen beeindruckte den Direktor so, dass er die Summe herausrückte. John D. aber ging in sein Kontor und sang: „Ich bin 2000 Dollar Kredit wert; ich bin ein großer Mann!“
2. Akt: Ă–lrausch
1862 war Rockefeller, Clark & Co. Eine der ersten Firmen Clevelands. Der Jahresgewinn von 35 000 Dollar schrie geradezu nach einer vernünftigen Anlage. Und da traf es sich gut, dass die Geschäftswelt der Stadt den jungen Rockefeller bat, sich doch einmal in Pennsylvania umzusehen. Dort hatte das lange Zeit unbeachtete Öl einen Boom wie beim Goldrausch ausgelöst.
Als John D. in Titusville eintraf, war er von der hastig aus Holzbuden zusammengezimmerten Hauptstadt des neuen Eldorados angeekelt. Den strengen Puritaner widerten die Saloons, Spielhöllen und Huren an, er sah besoffene Ölsucher, deren Quellen plötzlich versiegten, und erlebte Morde und Ölbrände mit. Nein, berichtete er zu Hause in Cleveland, die Ölförderung sei ein zu riskantes Geschäft. Aber – so dachte er insgeheim – mit dem Transport und der Raffinierung könnte man gut verdienen. John D. überredete seinen Partner, das Geschäftskapital in einer Raffinerie anzulegen. Als diese weit mehr Gewinn abwarf als der alte Laden, entschloss sich Rockefeller, inzwischen verheiratet und 25 Jahre alt, sich seines Partners zu entledigen. Obwohl der nicht wollte, kaufte er ihm bei einer dramatischen Auktion seinen Anteil ab.
In wenigen Jahren überflügelte die junge Firma mit neuen Methoden die Konkurrenz: Ölrückstände wurden wiederverwertet, Tanks, Fässer und Tonnen selbst hergestellt. John D. achtete darauf, dass jede Schraube, jede Kiste gezählt, verbucht und so Materialvergeudung vermieden wurde. Er gründete noch zwei weitere Raffinerien und eine Handelsniederlassung für den Export nach Europa und fasste dies alles 1870 in der „Standard Oil of Ohio“ zusammen.
3. Akt: Wie ein Monopol entsteht
Noch war die Standard Oil eine von 250 ähnlichen Firmen, und John D. bemerkte bitter: Es gibt zu viele Raffinerien auf dem Markt, die sich die Preise gegenseitig kaputtmachen! Der Kampf gegen die Konkurrenz begann mit Geheimverträgen mit allen Eisenbahngesellschaften, denen Rockefeller garantierte, jeden Tag einen gleichen, jährlich wachsenden Auftrag für Öltransporte zu geben, allerdings verlangte er dafür großzügige Rabatte. Die Eisenbahnbarone griffen erfreut zu, und Standard Oil konnte sein Öl günstiger als die Konkurrenz anbieten. Das Ergebnis: Fast alle kleineren und mittleren Raffinerien gingen Bankrott.
Aber John D. drehte weiter an der Schraube. Er gründete mit den 12 größten Raffinerien einen Verband, in dem er die Aktienmehrheit besaß. Dieses Kartell schloss mit den Eisenbahnen einen Vertrag, der vorsah, dass es 25 Prozent geringere Frachtraten bezahlte, während für alle anderen die Preise um 25 Prozent angehoben wurden. Doch dieses Komplott kam durch die Geschwätzigkeit eines Kartellmitglieds heraus, und die unabhängigen Ölförderer schlossen sich zu einer „Union der Erzeuger“ zusammen. In Titusville wurden von einer aufgebrachten Menge Puppen mit den Zügen Rockefellers verbrannt. Als ein Eisenbahnwagen in Flammen aufging, schoben die Bahnbosse alle Schuld den Raffineriebesitzern zu und kündigten den Vertrag. Der „Ölkrieg“ von 1872 endete mit einem vollen Sieg der freien Produzenten und unabhängigen Raffinerien. Wirklich?
John D. suchte in dieser bewegten Zeit seine Partner auf, lamentierte über die Risken des Ölgeschäfts und schlug ihnen vor, doch an ihn zu verkaufen. Er zahle bar oder – besser noch – in Aktien der Standard Oil. Wer auf sein großzügiges Angebot nicht einging, dem passierten merkwürdige Dinge: Er konnte das Öl nur noch teuer einkaufen; plötzlich hatten die Eisenbahnen keine Waggons zur Verfügung, und gelegentlich brannte gar eine Raffinerie.Am Ende dieses wilden Jahres 1872 gehörten 21 der 25 Raffinerien Clevelands der Standard Oil, in Pittsburgh und Philadelphia verfuhr Rockefeller nach demselben Muster. 1877 beherrschte John D. Rockefeller 95 Prozent des Ölmarkts; die Standard Oil zahlte erstmals eine Dividende von 50 Prozent aus…
4. Akt: Ein Monopol wird verteidigt
Und noch einmal taten sich die letzten unabhängigen Ölproduzenten zusammen, um gegen John D. zu kämpfen. Unabhängig von den Eisenbahnen wollten sie ihr Öl durch Pipelines in die Häfen leiten. Aber die Eisenbahngesellschaften, deren Territorium die Pipelines kreuzten, verweigerten auf Drängen der Standard Oil das Durchgangsrecht. Erst als das Parlament nach langem Tauziehen eine „Free Pipeline Bill“ verabschiedete, erreichten sie – wie Rockefeller inzwischen auch, das Meer. Der Kampf um den Markt Europa konnte beginnen.Zunächst einmal fielen die Exportpreise ins Bodenlose, weil John D. jeden Konkurrenten unterbot. Und dann kabelten die deutschen Einkäufer, sie würden nur noch bei Standard Oil kaufen. Der Grund dafür war ein Telegramm, in dem es hieß, „dass sich die amerikanischen Produzenten darauf geeinigt hätten, den deutschen Markt der Standard Oil zu überlassen“. Das Telegramm war gefälscht und natürlich, so erklärte Rockefeller, habe seine Firma damit nichts zu tun.
Unterdessen war aus dem Unternehmen ein riesiger Trust geworden, ein Verband engverschachtelter Unternehmen. Der Boss aber war und blieb John D., jetzt einer der zumindest in der Geschäftswelt meistgehassten Männer der USA. Der letzte Versuch, ihn zu stoppen, lief über die Politik. Vor allem in Hinblick auf die Standard Oil nahm der Kongress ein Anti-Trust-Gesetz an. 1892 musste Rockefeller versprechen, den Trust aufzulösen, erhielt dafür aber fünf Jahre Zeit. John D. zog sich aus dem Management zurück und präsentierte sich als Urbild des golfspielenden Verwaltungsratspräsidenten.
1897 stellten die Behörden fest, dass die Auflösung des Trusts keinen Schritt weitergekommen sei. Vom Rauschen im Blätterwald gezwungen, musste John D. für eine weile Golfschläger und Weltreisen entsagen und sich „wegen Missachtung der Gesetze“ verantworten. 7 Jahre untersuchte ein Kongressausschuss den Fall, bis es Teddy Roosevelt zu bunt wurde und er Rockefeller ultimativ zur Auflösung seines Trusts aufforderte. Der kam der präsidentiellen Aufforderung nach, aber auf seine Weise: Die Aktien der Standard-Gesellschaften wurden nicht mehr vom Mutterkonzern gehalten, sondern an einzelne Aktionäre verteilt. Hauptaktionär: die Familie Rockefeller…
Epilog: Geburt einer Legende
Die Kämpfe mit den harten Bandagen waren bald vergessen; sie wurden in mildem Rückblick eher als Kriegslisten denn als üble Machenschaften gesehen. John D. zog sich endgültig ins Privatleben zurück, profilierte sich als Kunstmäzen, Stifter und Wohltäter. Und so wandelte sich das Bild John D.’s: Er war nicht mehr der Polyp, der ganze Industriezweige aussaugte, sondern der lebende Beweis für den „amerikanischen Traum“…
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© 2005 by Charles Löffler