Ein Handbuch für Millionäre
„Um im Leben voranzukommen, müssen Sie sich die Gunst und den Einfluss der Vermögenden und der Regierungen des Landes zu gewinnen suchen, in dem Sie wohnen. Das Leben eines Menschen ist zu kurz, um, wenn man lediglich auf seine eigenen Hilfsquellen beschränkt bleibt, Reichtum zu erwerben…
Daher müssen Sie Ihren Einfluss und Ihre Macht auszuüben suchen auf solche, die bezüglich der Wohlhabenheit niedriger stehen, und deren Geschicklichkeit, Kenntnisse und Gewandtheit für Ihre Zwecke auszubeuten suchen… Es gibt noch eine dritte und letzte Vorschrift: Sie müssen zum Allmächtigen beten, dass er Ihre Wünsche erfülle. Ich habe niemals zu Gott aufrichtig gebetet, ohne dass mein Gebet nicht erfüllt worden wäre!“
Diese Ratschläge waren die Antwort John McDonoughs, eines Millionärs aus New Orleans, auf die Frage nach den Ursachen seines Reichtums. Sie finden sich in einem Ratgeber, der in den 1860er Jahren in Dresden erschien und den viel versprechenden Titel trug:
„Friedrich Georg Wiecks
Deutsch-amerikanisches Goldbuch für Handel und Industrie
Oder: Der Weg zum Reichtum durch Erfolg und Wissen.“
Dieses kuriose Werk enthält auf 174 Seiten Hinweise und Ratschläge, wie man in Amerika Erfolg erzielen könne. Es war wohl in erster Linie für diejenigen gedacht, die in den USA als Geschäftsleute tätig werden wollten, waren aber auch für die nützlich, die die amerikanischen Erfolgsgeheimnisse kennen lernen wollten. Johannes Scherr, der scharfsichtige Kulturhistoriker, schrieb damals, dass es in den USA nur eine Kirche gäbe, die „Church of Business“. Drastischer noch drückte es der enttäuschte Auswanderer Nikolaus Lenau aus, als er sie Amerikaner als „himmelanstinkende Krämerseelen“ bezeichnete. Amerika galt aber auch als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und die Erfolgsstorys, die nach Europa drangen, machten manchem den Mund wässrig, selbst Millionär zu werden. Dabei traf eine Phase der Prosperität in Deutschland nach 1871 auf eine ebensolche in den USA.
In dieser Zeit ereigneten sich auch zahlreiche der „märchenhaften Karrieren“. Darunter gab es auch eine ganze Reihe Deutscher, etwa die „Zuckerkönige“ Havemeyer und Spreckels oder den Drahtseilfabrikanten Röbling. Freedley, einer der Quellen in Wiecks Buch, bringt allerdings auch ernüchternde Fakten zu den „Blitzkarrieren“. Er lässt einen Statistiker aus Cincinnati zu Wort kommen: „Die gierige Hast, mit der junge Männer sich auf jene Lebensbühne stürzen, wo sie die Möglichkeiten haben, Geld zu verdienen, ist um so merkwürdiger, als es den Hastigen klar sein muss, dass sie in eine Lotterie setzen, in der sich viele Nieten auf einen Treffer befinden… Ich habe eine Liste der Hauptgeschäfte zusammengestellt, die vor 20 Jahren in Cincinnati bestanden.“
In dieser Liste, in der die Namen durch Nummern ersetzt wurden, finden sich vielsagende Einträge:
„No. 8 fiel (d.h. machte Pleite), wohnt in St. Louis…
No. 12 kam in Verlegenheit und nahm Gift…
No. 14 fiel; einer der Teilhaber starb wahnsinnig, der andere verließ die Stadt…
No. 19 wurde ein Trunkenbold, verließ Cincinnati und ist nun Handlungsdiener…
No. 27 fiel und ertränkte sich in Ohio…“
Trocken resümierte der Statistiker: „Ich weiß nur von fünfen, die sich seit 25 Jahren ununterbrochen im Geschäft befanden…“
Freedley analysierte genau die Gründe der Pleiten und setzte seine Erkenntnisse in praktische Tipps um. Seine gut gemeinten und auch fundierten Ratschläge verlangten freilich nach dem charakterlich einwandfreien Geschäftsmann – in der Realität haperte es jedoch oft gerade damit. Seit dem unseligen Präsidenten Andrew Jackson (1829-1837) galt in der Politik der Grundsatz: „Dem Sieger die Beute!“
Seither hatte die „Beutewirtschaft in erschreckender Weise um sich gegriffen. Die schwersten Schäden dieses Systems bestanden darin, dass anstelle der von Vaterlandsliebe und Selbstlosigkeit getragenen Helden der Revolution selbstsüchtige, grundsatzlose und käufliche Berufspolitiker traten, von denen die frechsten sich zu „Bossen“, d.h. Parteipäpsten, aufwarfen, die alle Macht an sich rissen und ihre Anhänger für geleistete Parteidienste mit öffentlichen Ämtern belohnten, ohne nach Befähigung oder Ehrlichkeit zu fragen“, so beschrieb der in den USA lebende Rudolf Gronau, einst Korrespondent der „Gartenlaube“, die Situation.
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© 2005 by Charles Löffler