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Moderne Zeiten

Nickelodeon und Modell T

1913: Mary und John haben das Bevölkerungs-wachstum von Detroit nach Kräften gefördert: Mit Sam, Bob und Susan ist Mary voll ausgelastet. Zugegeben, die modernen Haushaltsgeräte wie Waschmaschine, Kühlschrank, elektrisches Bügeleisen und Nähmaschine erleichtern ihr das Leben – trotzdem sehnt sie sich manchmal nach ihrem Job zurück. Im Großen und Ganzen jedoch sind die Petersons recht zufrieden, wohnen sie doch seit einigen Monaten in den eigenen vier Wänden…

1915: „Stell dir vor, Mary, Peter hat mich gestern ins Nickelodeon eingeladen. Es war wonderful!“

„Was war wonderful“ fragt Mary die Ex-Arbeitskollegin, „der Abend mit Peter oder „Birth of a Nation?“ – „Beides natürlich“, lacht Jenny und räkelt sich auf der Parkbank. „Doch ich muss gestehen: Der Film war spannend! Ich hatte den Eindruck, den gesamten Bürgerkrieg mitzuerleben und habe ein paar Mal laut aufgeschrieen. Aber Peter hat mich beruhigt...“

„Bei mir war es John“, lacht Mary und blickt bewundernd auf die schimmernden Seidenstrümpfe der Freundin. „Auch ich bin ein paar Mal ziemlich erschrocken, vor allem bei den Bajonettkämpfen.“ Mary hat den Kassenknüller zwar schon vor drei Wochen gesehen, aber sie erinnert sich an jedes Detail.

„Mir haben vor allem die Liebesszenen gefallen“, schwärmt Jenny. „Wie Lilian Gish und ihr Geliebter eine weiße Taube in den Händen halten…“„Au, Mama, Sam hat mich gehauen!“ Der schreiende Bob nimmt keine Rücksicht auf das Gespräch, das seine Mutter mit ihrer Freundin führt…

1916: „Machen sie doch einfach eine Probefahrt, Sir – ein echtes Familienauto!“ Seit geraumer Zeit beobachtet der Gebrauchtwagenhändler das Ehepaar mit den drei kleinen Kindern, die ungeduldig um den hellblauen Ford Modell T, Baujahr 1910, herumspringen.

„In meiner Klasse werden schon fast alle Jungs mit dem Auto zur Schule gebracht!“ meldete sich Sam zu Wort. „Nun mach schon, Daddy, fahr los!“„Wenn ihr meint…“ Zögernd öffnet John Peterson, der geplagte Familienvater, die Fahrertür.

„Vergessen sie nicht, Sir, dass sie von nun an auf keine Straßenbahn und keinen Zug mehr angewiesen sind“, fügt der Händler geschäftstüchtig hinzu: „In den nächsten zehn Jahren werden sie jede Menge Fahrgeld sparen!“

„In den nächsten 10 Jahren – übertreiben sie da nicht ein bisschen?“ Misstrauisch untersucht John zwei große Rostflecken, die den linken vorderen Kotflügel zieren.

„Losfahren, losfahren, losfahren!“ Petersons Rasselbande, die schon auf den Rücksitz geklettert ist, macht jede weitere Diskussion unmöglich. Als Dad endlich Gas gibt, kreischen und hüpfen die Kinder vor Vergnügen. „Na ja, ich könnte mich in der Sozialabteilung unserer Firma beraten lassen“, denkt John. „Zwei Kollegen haben sich schon gebrauchte Autos gekauft und zahlen nicht mehr als zehn Dollar Raten pro Monat…“ – „Was hast du gesagt, Mary?“

„Dass es schön wäre, wenn wir sonntags aufs Land hinausfahren könnten“, wiederholt Mary geduldig. „Dort würden wir Obst, Gemüse und Eier billig einkaufen, und ich bräuchte mich nicht mehr so abzuschleppen…“

1920: Sam, Petersons ältester Sohn, ist jetzt 12 Jahre alt und leider das, was die Lehrer „schwererziehbar“ nennen. Mary weiß nicht, was sie falsch gemacht hat, denn Sam belügt nicht nur sie, sondern auch Mitschüler und Lehrer und schwänzt ständig die Schule. Einige Monate später wird es noch schlimmer, und als die Polizei vor der Tür steht, kommt alles heraus: Sam gehört zu einer jugendlichen Diebesbande, die Lastwagen aufbricht. Nur sein Alter bewahrt ihn vor dem Gefängnis.Die Petersons schämen sich schrecklich: Wie ist es nur möglich, dass eines ihrer Kinder so entartet? Sie haben sie doch jeden Sonntag zum Gottesdienst der „Wahren Christen“ mitgenommen! John und Mary können es nicht begreifen…

 

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© 2005 by Charles Löffler


Letztes Update: 03.10.2006


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