Vom Weltkrieg in die Isolation
Die junge Weltmacht USA stolperte 1917 ziemlich unvorbereitet, aber mit den besten Vorsätzen, in den ersten Weltkrieg. Was aus den Idealen von US-Präsident Woodrow Wilson wurde und wie die Amerikaner die Kriegsjahre erlebten, hat ein New Yorker Zeitungsmann in Schlagzeilen festgehalten.
Die Überschrift konnte sich sehen lassen: „Friedensvertrag im Schloss von Versailles unterzeichnet!“ stand in großen Lettern auf der Seite eins des Manhattan View, spektakulär und typographisch gelungen wie immer. Larry Debster, der emsige Setzer aus dem Vorstadtmilieu, konnte zufrieden sein. Die Titelstory zum „Jahrhundertereignis“ vom 28. Juni 1919 würde morgen bestimmt ein Renner werden.
Trotzdem verließ Larry Debster nach diesem langen Arbeitstag seine Werkstatt mit Unbehagen. Zeile für Zeile hatte er die wichtigsten Punkte des Vertragswerkes gesetzt, gedruckt und der Öffentlichkeit bekannt gegeben und dabei nicht glauben können, dass das der angekündigte und vielgepriesene „Friede ohne Verlierer“ sein sollte. Von immensen Reparationszahlungen der Besiegten war da die Rede, von Gebietsabtretungen und neuen Grenzen, von einer Kriegsschuldklausel zu Lasten des Deutschen Reiches und einer drastischen Reduktion des Militärpotentials der Aggressoren. Wenn Larry sich die Schlagzeilen der vergangenen Jahre vergegenwärtigte, die er alle im Schweiße seines Angesichts zu Papier gebracht hatte, dann konnte er von der heutigen Ausgabe nur enttäuscht sein.
Mit welchen Erwartungen war der 28. Präsident der Vereinigten Staaten vor sechs Jahren begrüßt worden! „New Freedom for America“ – mit diesem Wahlkampfslogan hatte der demokratische Kandidat Woodrow Wilson 1912 Schlagzeilen gemacht. Die Ankündigung eines wirtschaftlichen Reformkonzepts, das unter anderem den mittelständigen Unternehmen bessere Wettbewerbschancen gegenüber den Großkonzernen versprach, machte den Gouverneur des Staates New Jersey in den Augen vieler Wähler zum „ehrlichen Makler“ des kleinen Mannes, der Amerika von den „vereinigten Geldmagnaten und Industriekapitänen“ befreien werde.
Wie in der Innenpolitik, so erhofften sich die Amerikaner auch in der Außenpolitik neue Impulse – weg von der „Dollardiplomatie“ und der „Knüppel-Politik“ der Republikaner. Wilson, der Idealist und Visionär, seit 1913 in Amt und Würden, stand für eine liberalere Außenpolitik. Lächelnd erinnerte sich Larry an eine Rede Wilsons aus dem Jahre 1908. „Freiheit“, hatte der Demokrat damals erregt gerufen, „ist eine spirituelle Konzeption, und wenn die Menschen zu den Waffen greifen, um andere Menschen zu befreien, dann hat ein solcher Kampf etwas Heiliges an sich!“ Das Zitat bekam seine Schärfe Jahre später. Deutlich stand dem Setzer noch die Katastrophenmeldung des Jahres 1914 vor Augen: „Krieg in Europa!“ Wilson empfahl seinen Landsleuten „Neutralität im Denken und im Handeln“ doch das war leichter gesagt als getan. Das Herz des Durchschnittsamerikaners schlug in der Regel pro-britisch, auch wenn noch niemand an einen Kriegseintritt dachte. Den Briten kam, neben alten Bindungen, zugute, dass sie die Nachrichtenkabel über den Atlantik kontrollierten und dadurch im „Propagandavorteil“ gegenüber den Mittelmächten waren.
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© 2005 by Charles Löffler