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Weltmacht wider Willen

Zwischen GroĂźmachtpolitik und Isolationismus

Erst die USA schafften den Durchbruch: Als kein Ende des Gemetzels in Bosnien in Sicht schien und die europäische Diplomatie am Ende war, da rief Bill Clinton die streitenden Parteien nach Dayton und setzte sie so lange unter Druck, bis ein unterzeichnungsreifes Verhandlungsergebnis erzielt war.

Washington hatte dem Rest der Welt wieder einmal seine „Leadership“ bewiesen und gezeigt, dass es nach wie vor Weltmacht Nr. 1 ist – eine oft gescholtene Weltmacht, gelegentlich eine Weltmacht wider Willen, vor allem aber eine Weltmacht, deren Bürger über die Außenpolitische Rolle ihres Landes selten einig sind und waren, vor allem wenn es um Europa ging!

Schließlich hatten sich die meisten Einwanderer in die USA aufgemacht, um die alte Heimat, das krisengeschüttelte Europa, hinter sich zu lassen. So war die Haltung zum Abendland eher negativ. Sicher, es gab einige Sentiments der kulturellen art, aber die Ressentiments überwogen. Und als nach dem Unabhängigkeitskrieg die Nabelschnur zur Alten Welt zerrissen war, da sprach George Washington den meisten seiner Landsleute aus dem Herzen, als er in seiner „Farewell Adress“ 1796 sagte: „Das große Gesetz für unser Verhalten gegenüber fremden Nationen ist: Während wir unsere Handelsbeziehungen beständig ausdehnen, sollten wir mit ihnen so wenig politische Bündnisse als möglich haben. Warum unser Schicksal mit dem eines Teils von Europa verflechten und unser Glück in Plackereien europäischen Ehrgeizes, europäischer Feindschaften, Interessen, Launen oder Grillen verwickeln?“

„Keine verpflichtenden Bündnisse“ diese Maxime stand am Beginn der US-Außenpolitik, und auch der zweite bedeutende Schritt bestand eher in einer Abgrenzung, diesmal der Interessensphären. Mit dieser „Monroe-Doktrin“ von 1823 meldeten sich die USA aber auch als neuer Mitspieler in der Weltpolitik an, wobei ihr Part zunächst in der Kontrolle der eigenen Hemisphäre bestand.

Zu mehr bestand zunächst keine Notwendigkeit, denn die „offenkundige Bestimmung“ der Bewohner der Vereinigten Staaten war, „den uns von der Vorsehung überlassenen Kontinent in Besitz zu nehmen.“ Nach diesem Motto rotteten die USA nicht nur die Indianer fast völlig aus; ihre „manifest destiny“ wurde mit der ganzen Inbrunst der puritanischen Vorväter zu einer Art Ideologie erweitert. Ergab sich die offenkundige Bestimmung nicht gerade daraus, dass das republikanische Amerika dem alten Europa vorlebte, wie man eine Demokratie aufbaute und fortführte? War es vielleicht gar die Bestimmung der USA, die in der Menschenrechtserklärung verkündeten Werte weltweit durchzusetzen? Solche Ideen standen zwar im Widerspruch zur traditionellen Außenpolitik, sie fanden aber als Unterströmung Eingang in das politische Denken der USA.

Bis zum Ersten Weltkrieg prägte eine andere Erfahrung die Außenpolitik der USA: als aufstrebende Wirtschaftsnation verfolgte man unter dem Schlagwort von der „Freiheit des Handels“ eine aggressive Außenwirtschaftspolitik, die sich gegen die Zollschranken der Europäer wie gegen Einfuhrverbote im asiatischen Raum richtete. Dieser „Open-Door-Policy“ wurde – siehe Japan – schon einmal mit Kanonen Geltung verschafft, überhaupt gewannen die USA mit ihrer Wirtschaftskraft und wachsenden Militärstärke die widerwillige Anerkennung der europäischen Großmächte.

„Herr seines Geschicks“

Der sichtbare Eintritt der USA in die Weltpolitik geschah im Ersten Weltkrieg. Eigentlich wollten sie ja gar nicht: Noch 1914 proklamierte Woodrow Wilson die „Neutralität Amerikas im Denken und Handeln“ und bemühte dafür Washington und Jefferson als Kronzeugen. Nicht neutral konnten die USA schon aus wirtschaftlichen Gründen bleiben, wenn es um die Freiheit der Meere ging: deshalb war der uneingeschränkte U-Boot-Krieg der Deutschen so verhängnisvoll. Und dann spielte auch jenes Sendungsbewusstsein mit, das Wilson 1917 so zum Ausdruck machte: „Die Vereinigten Staaten kämpfen für die allgemeinen Menschenrechte, für die Errungenschaften der Demokratie, für den endgültigen Weltfrieden und die Befreiung der Völker, das deutsche eingeschlossen.

Das war unrealistisch, aber es war ernst gemeint und endete im Versuch, mit dem Völkerbund eine solche neue Weltordnung, eine „Pax americana“ zu sichern. Aber aus dem erhofften Vernunftfrieden wurde im Revanchefrieden von Versailles ein Waffenstillstand auf Zeit und die neue Weltorganisation ein zahnloser Papiertiger – nicht zuletzt deshalb, weil die USA dem Völkerbund nicht beitrat. Im erbitterten Kampf zwischen Isolation und idealistischen „Weltpolitikern“ a la Wilson setzte sich eine mittlere Gruppe um Henry Cabot Lodge durch: „Ich möchte, dass Amerika so bleibt, wie es ist: nicht isoliert, ungehindert, sich mit anderen Nationen zu vereinen – aber ich möchte, dass es Herr seines Geschicks bleibt!“

Wirklich bekam der Isolationismus in den USA als Stimmung erst mit der Weltwirtschaftskrise Oberhand. So wie viele Europäer die Misere als Folge des „Schwarzen Freitags“ in New York erlebten, so machten die meisten Amerikaner das finanzielle Engagement ihres Landes in Europa für die Depression verantwortlich. Sich heraushalten, neutraler Zuschauer bleiben, das war auch noch vorherrschende Meinung, als die Pläne Hitlers immer deutliche wurden.

Franklin D. Roosevelt wusste freilich, dass dies auf Dauer nicht möglich sein werde. Jahrelang bereitete er seine Bevölkerung auf den Kriegseintritt vor, Schritt für Schritt setzte er gegen den wütenden Widerstand der Isolationisten Gesetze durch, die für die späteren Allierten vorteilhaft waren, und er stimmte sein Land auf eine Kriegswirtschaft ein. Freilich, erst der japanische angriff auf Pearl Harbour schuf die nötige Empörung; dass Hitler den USA den Krieg erklärte, war nur eine Zugabe.

Ein Zugeständnis nicht nur an die Isolationisten machte Roosevelt aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs: Er versuchte, möglichst wenig (amerikanisches) Leben zu gefährden. Die US-Army trat in Europa immer in quantitativer Überlegenheit und mit qualitativ besserem Gerät auf. Strategische Überlegenheit war die Devise – ein Vorgehen, das, verstärkt durch das Vietnam Trauma, im Golfkrieg seinen extremsten Ausdruck fand. Und auch die Entwicklung der Atombombe und die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki waren von solchen Überlegungen diktiert.

Nach 1945 wollte man in Washington nicht die Fehler wie1919/20 wiederholen – auch deshalb, weil mit der UdSSR eine neue, zunehmend feindliche Weltmacht entstanden war. In der „Truman-Doktrin“ schienen die USA endgültig Abschied vom Isolationismus zu nehmen: „Im gegenwärtigen Augenblick der Weltgeschichte muss fast jede Nation zwischen zwei verschiedenen Lebensarten wählen … Ich bin der Meinung, dass wir den freien Völkern beistehen müssen, ihr eigenes Geschick auf ihre Weise zu bestimmen!“ Die USA waren bereit, den „american way of life“ offensiv, auch militärisch, zu verteidigen. In der NATO – und in eingeschränktem Maß auch der SEATO – wurden Instrumente geschaffen, um die Sowjetunion „einzudämmen“. Dies funktionierte in Südkorea und im amerikanisch dominierten Tel von Europa, in Vietnam erlitten die USA Schiffbruch.

Das lädierte Image des „Weltpolizisten“ gab in den USA zeitweise wieder den Isolationisten Auftrieb, auch wenn unter Reagan und Bush Sr. noch einmal der wirtschaftliche und militärtechnische Kampf mit dem „Reich des Bösen“ verschärft und letztendlich gewonnen wurde. Ironischerweise hat dies bei vielen Amerikanern die Überlegung verstärkt, ob sich ihr Land nach gut 50 Jahren als westliche Führungsmacht nicht wieder etwas von der Weltpolitik zurückziehen sollte. Die Helden sind müde, der große Gegner fehlt, es gibt nur viele kleine Schurken mit schmutzigen Kriegen …

Innenpolitische Schwierigkeiten und soziale Spannungen sind nicht mehr auf einen äußeren Feind abzulenken: die wichtigen Schlachten – und die Wahlen – müssen im eigenen Land gewonnen werden. Auch deshalb gewann Clinton gegen den „Golfkriegssieger“ Bush Sr., und deshalb hatte auch Clinton große Schwierigkeiten, seine Bosnienpolitik durchzusetzen. Und wir, die Europäer – die wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder über die „Cowboys“ und deren diplomatische Ungeschicklichkeiten schimpfen – sind heilfroh, dass sich die USA in die europäischen Angelegenheiten einmischen und „Leadership“ zeigen.

 

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© 2005 by Charles Löffler


Letztes Update: 03.10.2006


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