"Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter" diese alte Erkenntnis traf auch auf die "besondere Institution" des Südens, die Sklaverei, zu. Sicher hat es nie an moralischen Einwendungen gegen diese Form der Ausbeutung gefehlt; der große Kreuzzug gegen die Sklavenhalter begann aber erst, als führende Kreise des Nordens ein starkes Interesse daran hatten.
Abolitionisten und Sezessionisten
Dass die wahren Hintergründe von Kriegen von den Manipulationen des jeweiligen Siegers verdunkelt werden, ist ein normaler Vorgang in der Historie. Im Falle des Sezessionskriegs begann die Propaganda der Union aber bereits zu greifen, ehe noch der erste Schuss abgefeuert worden war, und so gab es schon unter den Zeitgenossen wenige unparteiische Beobachter. Einer davon war der deutsche Journalist Otto Ruppius (1819-1864), der zwischen 1849 und 1861 in den USA gelebt hatte. 1863 schrieb er in der Zeitschrift "Sonntags-Blätter": "Und weshalb dieser entsetzliche Bürgerkrieg ?" Ja, darüber sind Äußerst scharfsinnige und verwickelte Erklärungen gegeben worden. Die Feinde der republikanischen Regierungsform beweisen, dass bei dieser "Willkürherrschaft des Volkes" es zu gar nichts Anderem als zum Bürgerkrieg habe kommen können; die Humanisten wollen wissen, dass der freie Norden die südliche Sklaverei nicht mehr habe dulden wollen und die Separation des Südens benutzte, um sie ein- für allemal auszurotten; die Politiker sagen, dass der Süden sich nur von der Union getrennt habe, weil die Partei der Sklavenhalter bei der Präsidentenwahl geschlagen worden sei und dass der Norden jetzt nichts wolle, als die Rebellen zur alten politischen Ordnung zurückzubringen.
Wie es aber bei allen diesen Gründen möglich geworden ist, dass die ganze Geschäftswelt des Nordens "die amerikanische Geschäftswelt, welcher der Gewinn über Alles geht" zwei Jahre lang alle Verluste ertragen hat, dass die vereinigte Geldmacht des Nordens, die nur den Dollar kennt, mit der sicheren Aussicht auf den Staats-Bankrott immer neue Opfer bringt, um die Mittel zum fortdauernden Kriege zu bieten, das hat bis jetzt kaum einer zu erklären vermocht.
Ruppius nennt zwei Hauptgründe für den Krieg; wie bei den meisten Kriegen sind es zunächst wirtschaftliche: Einerseits waren die durch Baumwolle, Tabak, Kaffee, Zucker, usw. reichen Südstaaten Hauptabnehmer für die Industriegüter des Nordens, andererseits lief der Export ihrer landwirtschaftlichen Produkte fast ausschließlich über New York und die anderen Häfen des Nordens. Ohne die Südstaaten als Kunden wäre die Industrie des Nordens nicht mehr existenzfähig gewesen, ohne die Südstaaten als Lieferanten wichtiger Exportgüter wäre die amerikanische Handelsflotte in den Häfen verfault. Industriekapitäne, Makler, Großkaufleute und Banken konnten nur dann ihre fetten Gewinne einstreichen, wenn der Süden weiterhin geduldig die überhöhten Preise für die Waren aus den Nordstaaten bezahlte und ohne Murren seine Ernten den Exportkaufleuten des Nordens schickte. Betrug der Wert der Baumwollerzeugung 1850 noch 1 Milliarde Pfund, so stieg er 1860 auf 2,3 Milliarden. Mit Neid blickte der Norden, der aufgrund verfehlter Wirtschaftspolitik zu verarmen drohte, auf den reichen Süden, der seinerseits immer weniger bereit war, den "Zahlmeister" der Union zu spielen. Spätestens seit der Zolltarifkrise von 1832 (siehe Artikel "geteiltes Haus") herrschte eine Art "Kalter Krieg" zwischen Nord und Süd, der durch die starken Mentalitätsunterschiede noch begünstigt wurde:
Hier eine agrarisch geprägte Bevölkerung, die im Leben auch noch andere Ziele sah als nur Geld zu verdienen, dort der Yankee, der, wie Johannes Scherr es ausdrückte, nur den einen Glauben kannte, die "Church of Business". Im Gegensatz zu den "businessmen" des Nordens waren die Pflanzer des Südens oft aristokratisch gesinnte Kulturträger, die "ebenso wie die einfache Bevölkerung" die "profitgierigen Yankees" verachteten.
In dieser Situation eignete sich das Thema "Sklavenhaltung" hervorragend zur propagandistischen Ausschlachtung. Dass dies aber nur vorgeschoben war, geht aus zwei Fakten hervor: Zum einen aus der Bevölkerungsstruktur der Südstaaten, zum anderen aus der Einstellung des Nordens zu den Indianern.
Die Südstaaten hatten damals knapp 7 Millionen weiße und etwa 2,5 Millionen farbige Einwohner (ohne Indianer). Von den Weißen besaßen nur etwa 350.000 Negersklaven, davon 200.000 weniger als zehn. Es gab höchstens 3.500 Pflanzer, die sich mehr als hundert Sklaven leisten konnten. Natürlich gab es Fälle von schlechter Behandlung, von Grausamkeiten und Ausschreitungen, der Regelfall war aber, dass ein Pflanzer in seinen Sklaven ein wichtiges Kapital sah, das er zu erhalten bestrebt war. Der Wert eines Sklaven lag 1860 bei etwa 1.800 Dollar. "Es ist keine Frage, dass die Sklaverei als Leibeigenschaft abzulehnen ist, doch auch dieses Urteil erfordert eine differenzierte Betrachtung, gerade wenn es als Vorwand für einen Krieg dient. Im selben Atemzug nämlich, in dem man sich moralisch auf die Sklavenhalter des Südens einschloss, setzte man ungerührt die Ausrottungspolitik gegen die Indianer fort, ohne dass irgendeinem maßgeblichen Nordstaatenpolitiker eine Träne ob der Menschenrechtsverletzung aus dem Auge rollte."
Wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung gewann die Republikanische Partei, eine Nachfolgeorganisation der 1852 vernichtend geschlagenen Partei der "Whigs". Sie wurde zum Sammelbecken all jener, die gegen das Programm der Demokratischen Partei waren, wonach Städte, Kreise und Staaten frei über ihre eigenen Angelegenheiten entscheiden sollten. Republikaner waren vor allem die Fabriksbesitzer, Großkaufleute und Intellektuelle, zu denen sich noch eine kleine Gruppe gesellte, die bisher keine sonderliche Bedeutung gehabt hatte, die "Abolitionisten". Sie predigten in Wort und Schrift die Abschaffung der Sklaverei (= engl.: abolition) und sahen im demokratischen Prinzip das Haupthindernis dafür.
Ein Programm dieser neuen Republikanischen Partei (es hatte schon früher eine Partei dieses Namens gegeben) gab es nicht, man war sich nur einig in der Bekämpfung der Südstaaten und der Benutzung der Sklavenbefreiung als Brechstange!
In den 1850er Jahren entfesselte der Norden einen Propagandafeldzug gegen die Südstaaten, die immer häufiger den Austritt aus der Union diskutierten. In breiten Bevölkerungsschichten des Südens entstand so eine ausgesprochene Sezessionsbegeisterung, während fanatische Abolitionisten laut darüber nachdachten, wie man eine kriegerische Züchtigung des Südens der Weltöffentlichkeit am besten verkaufen könne. Ein Wortführer der Abolitionisten war Wendell Phillips, der durch Stadt und Land zog und die Vernichtung der Südstaaten forderte, ein anderer Henry Ward Beecher, dessen Vorfahren ihren Reichtum durch Sklavenhandel erworben hatten, was ihn aber keineswegs bewog, damit etwa Negersklaven freizukaufen. Seine Schwester Harriet nach ihrer Heirat später Beecher-Stowe war Schriftstellerin und verfasste 1851/52 den Roman "Onkel Toms Hütte". Literarisch drittklassig, sollte "Onkel Toms Hütte" einer der erfolgreichsten Propagandaromane der Literaturgeschichte werden. Das nach dem Zeitschriftenabdruck erschienene Buch wurde ein riesiger Erfolg. Bei einem Empfang während des Bürgerkrieges bedankte sich Präsident Lincoln einmal artig bei der Autorin, dass durch ihren Roman der "große Krieg erst ermöglicht" worden sei. Geschulte Agitatoren zogen durch die Lande und schilderten die Südstaatler als wahre Barbaren, während praktischer denkende Sklavereigegner die "Untergrund-Eisenbahn" organisierten: ein Netz von Stützpunkten, durch das geflohene Sklaven in die sicheren Nordstaaten geschleust wurden. Natürlich führte dieser Druck zu überzogenen Gegenreaktionen; längst wurde nicht mehr diskutiert, sondern nur mehr polemisiert.
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© 2003 by Charles Löffler