Das mühevolle Gleichgewicht
Die Jahre zwischen 1820 und 1860 sahen so einen erbitterten politischen Kampf um die Beibehaltung eines Gleichgewichts, das immer weniger durch demographische, wirtschaftliche und psychologische Fakten gerechtfertigt war. Am Anfang stand der Missouri-Kompromiss von 1820, der besagte, dass südlich der Linie, die der geographischen Breite 36° 30' folgte, die Einrichtung neuer Sklavenstaaten gestattet war, nördlich davon aber nicht. Diese Regelung war ökonomisch vernünftig und entsprach dem Verfassungstext, und so hielt sie auch drei Jahrzehnte lang. Nur: War die Verfassung in diesem Fall verfassungskonform? Konnte sie den Bürgern eines neuen Staates tatsächlich vorschreiben, dass sie Sklavenhalter zu dulden hatten?
Die Probe auf dieses Exempel kam mit dem siegreichen Krieg gegen Mexiko, der den USA 1848 das gewaltige Gebiet zwischen den Rocky Mountains und dem Pazifik einbrachte. Für die Eroberung waren vor allem die Südstaaten eingetreten, die sich davon eine Erweiterung des "Sklavenlandes" erhofften. Doch dann gaben sich die Bürger von Kalifornien - in der Mehrzahl Nordstaatler, die dem Goldrausch gefolgt waren - eine Verfassung, die die Sklaverei verbot! Und als der Kongress dennoch die Aufnahme Kaliforniens als Bundesstaat akzeptierte, war der Missouri-Kompromiss endgültig geplatzt, und die Union stand wieder einmal vor der Auflösung.
Dass nochmals ein Kompromiss gefunden werden konnte, war ein kleines Wunder, zumal in diesen Jahren die Bewegung der "Abolitionisten", der Sklavereigegner, an Bedeutung zunahm und auch im Süden die Extremisten an Boden gewannen. Wie sehr die Stimmung vergiftet war, zeigte sich 1854, als man beschloss, in den beiden nächsten Territorien - Kansas und Nebraska - die Entscheidung pro/kontra Sklaverei den Siedlern zu überlassen. Die Folge war, dass beide Seiten ihre Anhänger massenhaft nach Kansas karrten, wo sie dann nicht nur mit dem Stimmzettel aufeinander losgingen (siehe "Wetterleuchten"). Da man im "blutigen Kansas" kaum von "regulären" Ergebnissen sprechen konnte, weigerte sich der Kongress 1856, die Pro-Sklaverei-Entscheidung und den Staat selbst anzuerkennen - der Süden sah sich in seiner Selbsteinschätzung als "verfolgte Minderheit" bestätigt!
Als die Präsidentenwahl von 1860 anstand, hatte Südcarolina, der Wortführer des Südens, das Recht zur Sezession zu seiner offiziellen Politik erklärt. Und genau dagegen trat nun Abraham Lincoln als Kandidat der erst 1854 gegründeten Republikanischen Partei an. "A house divided in itself cannot stand (Ein geteiltes Haus kann nicht bestehen bleiben)" - mit dieser Zeile aus dem Matthäus-Envangelium zog er in den Wahlkampf. Und er gewann, wenn auch nur mit der relativen Mehrheit von knapp 40 Prozent der Stimmen - die gegnerischen Demokraten hätten ihn locker geschlagen, wenn sie ihre Stimmen nicht zwischen einem "Nord-" und einem "Süd-Kandidaten" aufgesplittert hätten.
Aber hatte der Präsident Lincoln das Recht, einen (oder auch mehrere) Staaten gegen ihren Willen in der Union zu halten? Auf diese Frage gab die Verfassung von 1861 keine Antwort, und so musste die Entscheidung auf den Schlachtfeldern gesucht werden ...
weiter nach: Onkel Toms Ahnen oder zurück
© 2003 by Charles Löffler