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Vom Winde verweht

Das Zerrbild einer Demokratie

Dabei gingen sie nicht ungeschickt vor: Sie verschärften das neue Bürgerrechtsgesetz in einem 14. Verfassungszusatz - eine Art "Radikalerlass" gegen alle Amtsträger der CSA - so sehr, dass sich die besiegten Südstaaten mit Ausnahme Tennessees weigerten, es anzunehmen. Damit hatten die radikalen Republikaner gerechnet, die nun zunächst im Wahlkampf die "unbelehrbaren Gutsherren" angriffen und sich - mangels Gegnerschaft - 1867 in beiden Häusern des Kongresses eine Zwei-Drittel-Mehrheit verschafften, eine Mehrheit also, mit der sie jederzeit das Veto des eher gemäßigten, aber schwachen Präsidenten Johnson überstimmen konnten.

Was sie dann auch sofort taten: Mit Ausnahme Tennessees wurden die ehemaligen Konföderierten Staaten in fünf Militärdistrikte eingeteilt, die von der Nordstaatenarmee kontrolliert wurden. Die meisten Weißen wurden als "renitent" und damit als nicht wahlfähig eingestuft, lediglich kleine Farmer und die Schwarzen wurden in die Wahllisten eingetragen. Zusammen mit zugereisten radikalen Demokraten aus dem Norden, den "Carpetbaggers", sollten deren Parteigänger und die Schwarzen die Rekonstruktion des Südens durchführen. Die ehemalige wirtschaftliche und politische Elite und der Großteil des Mittelstandes waren ausgeschlossen.

Denn neben der politischen Macht ging s auch um viel Geld: Während im Norden und bald auch im Westen ein dynamischer Aufschwung einsetzte, verharrte der erschöpfte Süden in Agonie. Denn jener eigenartigen Mischung aus radikal demokratischen Ideologen und skrupellosen Geschäftemachern, die dort herrschte, konnte es nicht gelingen, die notwendige Umstrukturierung und Modernisierung der Südstaatenwirtschaft einzuleiten. Ganz abgesehen davon, dass nun als Gegenreaktion radikale Südstaatler Geheimbünde wie den Ku-Klux-Klan gründeten, die den inneren Frieden störten und die andere Seite zu erneuten überzogenen Handlungen provozierten.

Zum Glück gab es in der alten Südstaatenelite genügend Leute, die einsahen, dass es so nicht weitergehen konnte. Insbesondere, als 1869 mit dem Kriegshelden Ulysses S. Grant einer der politisch unfähigsten Präsidenten der USA ins Weiße Haus zog, ein Mann, der mehr noch als den radikalen Republikanern der Nordstaatengeschäftswelt ergeben war. Also billigten die Südstaaten zähneknirschend die in ihren Augen demütigenden neuen Verfassungszusätze, ja, sie schluckten sogar noch ein 15. Amendement, das das Wahlrecht den Schwarzen garantierte.

(Anm. des Verfassers: Heute mutet uns dieser Widerstand gegen an sich selbstverständliche Bürgerrechte seltsam an. Aber erstens war damals weder die Gleichberechtigung der Rassen wie der Geschlechter selbstverständlich, und noch heute tun wir uns in der Praxis schwer genug damit. Zum anderen wurden diese Amendements weniger aus innerer Überzeugung, sondern in der kaum verhohlenen Absicht formuliert, es "denen im Süden" zu zeigen. Und wo Emotionen vorherrschen, hat die Vernunft meist Pause!)

Damit aber hatte das Kriegsrecht im Süden keine Grundlage mehr, und in normalen Wahlen hatten die durch ihre Misswirtschaft gründlich diskreditierten radikalen Republikaner keine Chance.

Binnen weniger Jahre etablierten sich fast überall im Süden wieder Demokraten als politische Kraft. Auf ihre Unterstützung war der Nachfolger Grants, der Republikaner Rutherford B. Hayes, bereits wieder angewiesen. Das Jahr 1876, in dem er äußerst knapp gewählt wurde, bezeichnen denn auch die Historiker als das "Ende der Rekonstruktionszeit".

Aber was war das für eine Rekonstruktion? Die politische Einheit der USA war wieder hergestellt; es herrschten überall gleiche Rechtsverhältnisse. Im wirtschaftlichen Bereich freilich hatte der Norden seinen Vorsprung gegenüber dem Süden, der ja schon bürgerkriegs-entscheidend gewesen war, beträchtlich erhöht. Mehr noch, die entscheidenden ökonomischen Weichenstellungen in der Industrie und im Finanzwesen waren am Süden auch im geographischen Sinne vorbeigegangen! Die eigentlichen Leidtragenden waren die Schwarzen: Erst hatten ihnen die radikalen Republikaner falsche Versprechungen gemacht und sie als Wahlstimmvieh vor ihren Karren gespannt. Damit waren sie in den Augen vieler Südstaatler, die zu vernünftigerem Zusammenleben bereit gewesen wären, gründlich diskreditiert. Kaum hatten sich die Machtverhältnisse wieder geändert, begann die Diskriminierung der Schwarzen wieder. Die neuen Bürgerrechte für die Schwarzen wurden zwar nicht gebrochen, aber recht wirksam unterlaufen. Und das sollte fast 100 Jahre so bleiben, bis zur Zeit eines John F. Kennedy und Martin Luther King!

Aber was wäre gewesen, wenn der "gute Mann aus Illinois", Abraham Lincoln, nicht ermordet wordenwäre? Vermutlich hätte die Bilanz doch nicht ganz so positiv ausgesehen wie in unserer Eingangsfiktion, die dem Verfasser wahrscheinlicher scheint:

Aus dem Leitartikel der New York Times am 4. November 1868:

Während in wenigen Wochen mit General Ulysses S. Grant ein Mann ins Weiße Haus einzieht, der im Kriege seine Entschlossenheit bewiesen hat, geht Abraham Lincoln dorthin, wohin er gekommen war: in die politische Bedeutungslosigkeit. Niemand will ihm seine Verdienste absprechen, als es darum ging, die Union zu erhalten, auch wenn dies andere wohl weniger zögerlich und mit mehr militärischem Überblick getan hätten. Der Nachkriegssituation freilich war der Taktierer zwischen den Fronten nicht gewachsen. Statt eine klare Linie zu verfolgen, machte er einmal dem Süden Versprechungen, um dann wieder den Radikalen um Stevens und Sumner nachzugeben. Man kann nicht umhin, zu fragen, was geschehen wäre, wenn ihn die Kugel des Attentäters im "Ford Theater" getroffen hätte!

Abgesehen von solchen Zeitspielereien noch eine Schlussbemerkung: Wie vieles Vergangene, was von der brutalen Realität niedergewalzt wurde, erleben auch die Südstaaten eine Art romantischer Wiederauferstehung. Irgendwann, als sich die Vertreter des hemdsärmeligen, brutalen Konkurrenzkampfes durchgesetzt hatten, als im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" erste Grenzen sichtbar wurden, da erinnerte man sich jener so andersartigen Lebensart der Pflanzeraristokratie im Süden. Und wie immer, wenn man auf etwas zurückblickt, was unwiederbringlich verloren ist, scheinen nur die guten Seiten auf: die Leichtigkeit und Anmutigkeit, mit der sich jene Menschen bewegten, ihre Ritterlichkeit und Galanterie!

 Eigenschaften, die dem Amerikaner, ja dem westlichen Menschen des 20. Jahrhunderts schlechthin, abzugehen scheinen. In Büchern und Filmen erinnerten sich die Menschen an jene (von "kleinen" Schönheitsfehlern wie der Sklaverei einmal abgesehen) faszinierende Südstaatengesellschaft, vom Winde verweht!

 

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© 2003 by Charles Löffler


Letztes Update: 09.01.2007


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