Der zerstückelte Süden
Der westliche Kriegsschauplatz war hingegen größer als halb Europa und stellte an die Strategen auch erhebliche logistische Anforderungen. Erste Aufgabe der Union bestand hier darin, die beiden neutral gebliebenen Sklaverei-Staaten Missouri und Kentucky zu besetzen, um sich eine gesicherte Anmarschroute in das Herz des "Baumwollgürtels" - für die Nordstaatler der "Brutkasten der Sezession" - zu sichern.
Die Kämpfe um Missouri zogen sich von April 1861 bis März 1862 hin; entschieden wurden sie für die Union durch den Sieg von Pea Ridge, den der deutschstämmige General Franz Siegel errang. Gegen Kentucky konnte die Union die starken Armeen werfen, die sie in ihren Mittelweststaaten von Ohio bis Illinois rekrutierte, so dass jeder Widerstand schnell gebrochen war. Da man es aber versäumte, in diesem Staat größere Reserven bereitzuhalten, litt Kentucky den ganzen Krieg hindurch unter den Einfällen von konföderierten Streiftrupps, die nicht selten Unterstützung von Sympathisanten fanden.
Für den weiteren Vorstoß nach Süden boten sich die Flussläufe von Tennessee und Mississippi an. Die starken konföderierten Stellungen am Tennessee wurden von der Union zwischen dem April 1862 und dem Januar 1863 in den verlustreichen Schlachten von Shilo, Corinth, Perryville und Murfreesboro bezwungen.
Die blutigen Schlachtfelder von Tennessee sahen den Aufstieg General Grants, der bis zum Kriegsausbruch als verkrachter Veteran des Mexikanischen Kriegs von 1848 im Westen gelebt hatte. Grant erhielt dann den Auftrag, Vicksburg zu nehmen, die letzte Festung am Mississippi, die die Verbindung zu Arkansas und Texas aufrechterhielt. Nach monatelanger Belagerung ergab sich die ausgehungerte und in Trümmern liegende Stadt am 3. Juli 1863, fast zur gleichen Stunde, als Lees Sturmangriff am "Friedhofshügel" zu Gettysburg verblutete!
Mit dem Fall von Vicksburg war die Konföderation erstmals geteilt; der zweite Teilungsschnitt sollte nun genau in das Herz des "Rebellenlandes" zielen. Davor lag aber noch der schwer befestigte Eisenbahnknoten Chattanooga. Der erste Angriff der Union endete beim Flüsschen Chickmauga in einer verheerenden Niederlage im September 1863. Zwei Monate später brachten die nicht weniger blutigen Schlachten von Lookout Mountain und Missionary Ridge Chattanooga doch in die Hände der Union.
Grant war inzwischen als Oberbefehlshaber in den Osten abberufen worden, und so begann im Mai 1864 General William Sherman von Chattanooga aus den Eroberungsfeldzug gegen Georgia. In rund 100 Gefechten bahnte er sich den Weg nach Atlanta, einer der wichtigsten Waffenschmieden und Nachschubplätze der CSA. Die Stadt wurde erobert und niedergebrannt, dann zog Shermans Armee weiter zur Hafenstadt Savannah, die sie am Weihnachtstag 1864 erreichte. Von dort schwenkte die Truppe nach Norden, um quer durch die beiden Carolinas Richmond in den Rücken zu fallen.
Der Eroberungszug Shermans war gleichzeitig als Strafexpedition angelegt: Die Marschkolonne schwärmte 50 Meilen breit aus, und alles durchzogene Land wurde erbarmungslos verwüstet. Die militärische Begründung für das barbarische Vorgehen war die Vernichtung der Nachschubbasis für die sich bei Richmond zäh behauptenden CSA-Truppen, aber zweifellos spielten auch Rachsucht und blinde Zerstörungswut eine Rolle, und Shermans Soldaten hatten einen höchst fragwürdigen Tross von weißem Gesindel und entlaufenen bzw. "befreiten" Sklaven im Gefolge, die im Schutz des Krieges so manche alte Rechnung beglichen!
Rein militärisch gesehen war Shermans Tausend-Meilen-Marsch eine organisatorische Meisterleistung, da er ohne jede Rückverbindung oder Stützpunkte operieren musste. Fast zwei Monate lang waren er und seine Soldaten für Washington verschollen; erst die Siegesdepesche aus Savannah berichtete vom Gelingen des Unternehmens.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war der Krieg für den Süden verloren, denn für dieses nun zerrissene und in großen Teilen verwüstete Land war auch keine ausländische Unterstützung mehr zu erwarten. Was nun folgte, war ein qualvoller Todeskampf, der die Blutbilanz weiter in die Höhe trieb.
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© 2003 by Charles Löffler