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Vom Winde verweht

Die Bestrafung des Südens

Mit der Kapitulation seines Oberbefehlshabers Robert E. Lee im Gerichtsgebäude von Appomattox am 9. April 1865 hatte der Süden den Krieg verloren. Seine schwerste Niederlage erlitt er aber fünf Tage danach, als Lincoln im Ford-Theater ermordet wurde. Denn wie die Nachkriegszeit mit einem Präsidenten Lincoln ausgesehen hätte, darüber lässt sich trefflich spekulieren:

Die Menschen vor den Stufen des Weißen Hauses werden langsam ungeduldig. Lange haben sie ausgeharrt, aber man weiß ja, dass der scheidende Präsident seine Extravaganzen hat. Endlich erscheint an diesem nasskalten Januartag des Jahres 1873 die vielen Amerikanern wohlbekannte, hagere Gestalt mit dem inzwischen von weißen Fäden durchzogenen schwarzen Bart auf der Terrasse. Zuerst wirkt er mit seinen überlangen Armen wie immer etwas linkisch, räuspert sich, doch dann werden die Zuhörer einmal mehr von seiner Redegabe gefangen:

"In der Stunde des Abschieds drängt es mich, noch einmal zurückzublicken auf meine Zeit als Präsident dieses großen Landes. Dreimal haben sie mich in dieses hohe Amt gewählt, und mit Gottes Hilfe habe ich mich bemüht, diese große Herausforderung anzunehmen. Die erste Amtsperiode war vom schrecklichsten Bürgerkrieg der Weltgeschichte geprägt. Dann, nachdem der Allmächtige mich vor den Kugeln eines Attentäters bewahrte, gingen wir daran, die Wunden zu heilen."

Abraham Lincoln hält einen Moment inne: "Noch sind die Narben sichtbar, aber dennoch: Die Schwarzen sind unsere Mitbürger geworden, die Geheimbünde und Sekten, die sie einschüchtern und terrorisieren wollten, haben keinen Rückhalt im Süden gefunden. Sicher auch deshalb, weil wir unseren besiegten Landsleuten die Hand reichten, ihnen beim Wiederaufbau halfen und sie an den wachsenden Reichtum unseres Landes teilhaben ließen. Das war nicht immer leicht, gerade in meiner dritten Amtsperiode, wo ich gegen allzu große Rücksichtslosigkeit in der Wirtschaft und gegen Korruption in den Amtsstuben kämpfen musste, und wo wir nur durch unser gottgewolltes Zusammenstehen die Folgen einer tiefen Wirtschaftskrise für die Ärmsten der Armen lindern konnten !"

Natürlich hat Abraham Lincoln diese Rede niemals gehalten, und er war auch nicht, was damals noch möglich gewesen wäre, dreimal Präsident. Aber so stellen sich viele Amerikaner, und nicht nur sie, den Ablauf der Geschichte vor, wäre jener erst verkannte und dann nicht nur körperlich große Präsident nicht am 14. April 1865 von John Wilkes Booth im Ford-Theater erschossen worden!

Denn was danach kam, war ein Alptraum, zumindest für die Menschen im besiegten Süden. Immerhin, neben all dem Leid und Schrecken, hatte der Krieg zumindest zwei " mit Einschränkungen " positive Ergebnisse: Die Vereinigten Staaten waren wieder eine Nation, sicher die Vorraussetzung für den kommenden Wirtschaftsaufschwung und das zunehmende weltpolitische Gewicht, und mit dem 13. Amendement (Verfassungszusatz) wurde in allen Territorien der wiedervereinten Union die Sklaverei ein für allemal verboten. Mehr noch: Im April 1867 erhielten im "Civil Rights Act" alle in den USA geborenen Schwarzen (nicht aber die Indianer) das amerikanische Bürgerrecht.

Und Abraham Lincoln hatte noch im Krieg sehr milde Bedingungen für die Wiederaufnahme der abgefallenen Staaten gestellt: Allen Südstaatlern - mit Ausnahme von Kriegsverbrechern und hohen Repräsentanten der Konföderation - wurde eine Amnestie gewährt, wenn sie einen Loyalitätseid auf die Union leisteten. Und jeder Südstaat konnte wieder vollberechtigtes Mitglied der USA werden, wenn 10 Prozent der Wähler von 1860, also ein relativ geringer Teil der Bevölkerung, diesen Treueid leisteten und sich zur Sklavenbefreiung bekannten!

Lincolns Nachfolger Andrew Johnson übernahm dieses Programm und geriet damit in Widerspruch zum Kongress, der schon seinem ermordeten Vorgänger Schwierigkeiten gemacht hatte. In beiden Kammern hatte die Republikanische Partei die Mehrheit, und die verlangte nicht nur die Sklavenbefreiung, sondern eine durchgreifende "Reform" des Südens: Die Rechte der befreiten Schwarzen (der "freedmen") mussten durchgesetzt und dazu musste die Macht der alten Pflanzeraristokratie gebrochen werden!

Ebenso sollten auch die gerade von den Südstaaten immer hart verteidigten Einzelrechte der Staaten zugunsten größerer Rechte des Bundes abgebaut werden. Dies hörte sich gut an, dahinter standen freilich auch weniger honorige Interessen.

Die Republikanische Partei musste um ihre Macht fürchten, wenn die Südstaaten-Parlamentarier wieder in den Kongress einzogen. Vielleicht ging es den radikalen Republikanern um Thaddeus Stevens und Charles Sumner tatsächlich um hehre Ideale, auf jeden Fall aber um die Macht. Und so taten sie alles, um die Südstaaten, zumindest deren Eliten, aus der Politik herauszuhalten.

 

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© 2003 by Charles Löffler


Letztes Update: 06.01.2007


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