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Aufmarsch

Die Organisation des Krieges

"2.400 Männer eingezogen, und nicht einmal die Hälfte davon bewaffnet. Noch keine Offiziere zur Musterung eingetroffen. Kein Pfund Pulver, nicht eine einzige Kugel und kein Stück Ausrüstung hat man uns geschickt!" Solch beredte Klage führte der Gouverneur von Indiana zu Beginn des Konfliktes. Wenig später sandte der US-General Ulysses S. Grant ebenfalls eine Depesche nach Washington: "Die Transportmöglichkeiten lassen zu wünschen übrig. Ich habe keine Sanitätswagen. Die gestellten Kleidungsstücke sind fast ausnahmslos von minderer Qualität und reichen nicht aus. Die meisten Soldaten besitzen nur alte, notdürftig instandgesetzte Steinschlossgewehre!"

Dilettantismus, Missmanagement und Konfusion kennzeichneten die Lage, nachdem Präsident Abraham Lincoln am 15. April 1861 die Einberufung von 75 000 Rekruten für 90 Tage angeordnet hatte. Anfang Mai ließ der Staatschef weitere 83 000 Männer für drei Jahre anwerben, und der Kongress billigte im Juli die Mobilmachung von noch einmal einer Million Soldaten.

Indes: Amerika war keineswegs auf die Auseinandersetzung vorbereitet, die zur größten und blutigsten seiner Geschichte werden sollte. Auf beiden Seiten herrschte Chaos, die Verantwortlichen in den Kriegsministerien hatten alle Hände voll zu tun, um die Logistikprobleme für ihre aus dem Boden gestampften Armeen zu bewältigen.

Betrachten wir zunächst den Norden: Lincolns Appell war in ein militärisches Vakuum geplatzt. Die regulären Streitkräfte der Union zählten gerade 16 000 Köpfe; verteilt auf 79 Grenzposten westlich des Mississippi, sollten diese Blauröcke die Siedler vor den Indianern schützen. Viele der besten Offiziere hatten - angeödet von der Langeweile - den Dienst längst quittiert, weil im Zivilleben größere Karrierechancen warteten. Am Vorabend des Bürgerkrieges nahmen noch einmal 373 von 1554 Führungskräften den Abschied. Der prominenteste "Überläufer" war Robert E. Lee, der zum Oberbefehlshaber der Konföderierten avancierte.

In jedem Einzelstaat allerdings unterhielten die größeren Gemeinden noch Milizen. Obwohl diese "Truppen" eher whiskeyseligen Poker-Runden oder vergnügungssüchtigen Gesangsvereinen ähnelten, bildeten sie bald die eigentlichen Keimzellen des neuen Heeres. Ausgestattet mit museumsreifen Musketen, Schrotflinten, Colts und Bowiemessern, gekleidet in kunterbunte "Trachten" (die in den ersten Gefechten zu tragischen Verwechslungen Anlass gaben) und durch freiwillige Patrioten auf Regimentsstärke gebracht, marschierten die Yankee-Einheiten siegesgewiss zu den Sammellagern am Potomac.

Dort angekommen, wählten die Männer - alter Miliztradition gemäß - ihre Unteroffiziere und Offiziere aus den eigenen Reihen - verständlich, dass bei diesem Verfahren nicht immer die Besten zum Zuge kamen. So wurden die Leute an die Spitze gehievt, die das Kriegshandwerk um den Preis hoher Verluste an Menschen und Material erst lernen mussten.

Die Soldaten selbst, denen das Verständnis für die Armeeprinzipien "Befehl und Gehorsam" meist abging, bekamen allenfalls eine oberflächliche Ausbildung; Ein paar Griffübungen am Vorderlader, ein wenig Kompanie- und Regimentsdrill - ab auf das Schlachtfeld!

Als die Einberufung startete, hatten die US-Truppen weder einen funktionierenden Generalstab noch strategische Pläne. Das Kriegsministerium dämmerte in Bürokratenroutine dahin. Die Direktoren der acht Heeresämter saßen bis auf eine Ausnahme schon seit 1812 auf ihren Sesseln, nur zwei, jetzt schon über 70jährige Offiziere, hatten schon einmal eine Brigade im Gefecht geleitet. Der Oberbefehlshaber, der im zarten Alter von 74 Lenzen stand, litt an der Wassersucht, Schwindelanfällen und schlief bei Konferenzen ein - kein Wunder, dass es den Streitkräften zunächst an fast allem mangelte, und Privatleute, Vereine sowie Bundesstaaten den Unterhalt und die Ausrüstung der Einheiten übernehmen mussten.

Ende 1861 hatte die Regierung in Washington dann jedoch die Probleme im Griff, und alle Soldaten konnten von der Union übernommen werden. 700 000 Mann marschierten nun unter dem Sternenbanner. Die Wirtschaft des Nordens hatte ihre Produktion der Nachfrage so angepasst, dass die Yankee-Armee "zur bestverpflegten Streitmacht aller Zeiten" wurde, die dem Gegner zahlenmäßig um das Dreifache überlegen war.

Bis dahin allerdings waren die "Rebellen" des Südens noch im Vorteil. Die Pflanzeraristokratie hatte sogleich mit der Aushebung von "Privattruppen" begonnen, so dass der Konföderiertenkongress bereits am 6. März ein Heer von 100 000 Freiwilligen für zwölf Monate vereidigen konnte. Die Offiziere, die in diesen Verbänden ebenfalls von den Mannschaften gekürt wurden, blickten auf eine solide "Lehre" zurück, denn sieben der acht amerikanischen Militärschulen befanden sich im Süden.

Bei der Mobilmachung wurde dem Süden noch mehr Improvisationstalent abverlangt als dem Norden. Denn am Anfang stand das Nichts: Es gab keine eingespielte Regierung, kein Kriegsministerium und keinen Generalstab. Der Norden stellte 97 Prozent der Schusswaffen des Landes, 94 Prozent der Stoffe und über 90 Prozent des Schuhwerks her. Das Eisenbahnnetz der Union war mehr als doppelt so dicht.

Im Verlauf des Krieges bekam "Jonny Reb" - so der Spitzname für die Rekruten aus dem Süden - die Engpässe voll zu spüren. Das katastrophale Transportwesen führte dazu, dass die Soldaten an der Front an Hunger litten, während die Nahrungsmittel in den Lagerhäusern des Hinterlandes verfaulten. Wer nicht barfuss kämpfen wollte, musste gefallenen Yankees die Stiefel ausziehen, und wer es satt hatte, unter freien Himmel zu schlafen, nahm den Gefangenen die Decken weg.

Und doch leistete der Süden schier Unglaubliches: Waffenfabriken und Gießereien schossen aus dem Boden. Die Frauen der Rebellen webten nächtelang die Uniformen und färbten sie mit Walnuss-Saft; sie sammelten gewissenhaft den Inhalt ihrer Nachttöpfe, weil aus Urin der Salpeter für das Schießpulver gewonnen werden konnte. Offiziere beschlagnahmten alle Alkohol-Destillierapparate im Land, um aus dem Kupfer Zündhütchen zu fertigen. Kirchen- und Plantagenglocken wurden für Kanonen eingeschmolzen. Einkäufer reisten trotz der Küstenblockade nach Europa und beschafften Gewehre. Im Mai 1861 billigte der CSA-Kongress die Anwebung weiterer 400 000 Freiwilliger für drei Jahre.

Der Ansturm war so gewaltig, dass das Kriegsministerium etwa 200 000 Mann zurückweisen musste. Manche Rekruten brachten Neger-Sklaven mit, um im Camp bedient zu werden, teilweise hatten sie ihre Abendgarderobe im Gepäck, weil sie bei der Siegesfeier in Washington ihren Reichtum zur Schau stellen wollten. Die Südstaatler zeigten sich hochmotiviert: Führten sie doch einen Verteidigungskrieg um Frauen, Heim und Herd, während der Milizionär aus dem Norden für so abstrakte Begriffe wie Union und Verfassung ins Feld rückte und zu einer Invasion ansetzte.

Während der fast fünf Bürgerkriegsjahre mobilisierte die bevölkerungsreiche Union über zwei Millionen Soldaten, inklusive 179 999 Schwarze. Die Sezessionsstaaten konnten dagegen nur 900 000 Mann auf die Beine bringen und mussten 1863 die Wehrpflicht ausrufen. Erst gegen Ende des Krieges rangen sich die Konföderierten durch, ebenfalls Negerregimenter aufzustellen, sie kamen allerdings nicht mehr zum Einsatz.

Angesichts des Ungleichgewichts der Kräfte konnte der Süden ohnehin nur auf einen "psychologischen Punktsieg" hoffen, d.h. dass im Norden wegen der hohen menschlichen und materiellen Verluste der Druck auf die Politiker so stark würde, dass sie den Kampf aufgaben. Helfen konnte dabei das Ausland, und hier setzten die Führer des Südens vor allem auf Großbritannien, den Hauptabnehmer seiner Baumwolle, der von der Blockadepolitik der Union schwer getroffen wurde. Tatsächlich machte sich ab Ende 1862 der Nachschubmangel in den englischen Baumwollfabriken empfindlich bemerkbar. Viele Vertreter der "besseren Kreise", bis in die Regierung Palmerston hinein, sympathisierten offen mit der Pflanzer-Aristokratie; bei der Masse der britischen Bevölkerung setzte sich aber die Öffentlichkeitsarbeit des Nordens durch: Selbst die nun arbeitslosen Fabrikarbeiter standen auf der Seite von "Demokratie" und "Sklavenbefreiung". Nachdem sogar "King Cotton", "König Baumwolle" den Konföderierten keine ausländische Hilfe bringen konnte, war das Schicksal der CSA besiegelt!

 

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© 2003 by Charles Löffler


Letztes Update: 18.10.2006


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