Kansas blutet für die Sklavenfrage
Ein Gewitter "aus heiteren Himmel" ist in der Historie ebenso selten wie in der Meteorologie, und so haben sich auch vor dem blutigen Feuersturm des Amerikanischen Bürgerkrieges die Wolken allmählich aufgetürmt, sind sie immer dunkler und bedrohlicher geworden. Die ersten mörderischen Blitze schlugen bereits fünf Jahre vor dem Kriegsausbruch ein ...
21. Mai 1856: Das Städtchen Lawrence liegt am Kansas River, ein paar Dutzend Meilen vom mächtigen Missouri-Strom entfernt und vom Bundesstaat gleichen Namens, der sich zur Sklavenhaltung als einer notwendigen Bedingung für die Farmwirtschaft bekennt. Ein paar Steinhäuser unter vielen eilig aufgerichteten Blockhäusern besitzt Lawrence und sogar ein Hotel, der gesellschaftliche Mittelpunkt hier am Rande des Siedlungsgebietes, das die Vereinigten Staaten in den Westen vorantreiben.
Der Name der Stadt leitet sich ab vom Schatzmeister der Gesellschaft, die unlängst in Massachusetts gegründet worden ist, der "New England Emigrant Aid Company". Erst hatten die Gesellschafter der Siedlung den Namen "Yankee Town" oder "New Boston" geben wollen, Belege dafür, dass diese bescheidene Siedlung von Leuten gegründet worden war, die auf dem Boden von Kansas nichts mit der Sklaverei zu tun haben wollten.
An diesem Nachmittag rumpelten plötzlich fünf Kanonen durch die Massachusetts Street, die Hauptstraße von Lawrence. Die Kanonen waren begleitet von verwegenen Gestalten mit allen möglichen Flinten in den Händen, mit Patronengürteln um den Bauch, mit Messern, Säbeln, Degen an der Seite und Stiletten für den Nahkampf in den schmutzigen Stiefelschäften.
Totenstille ringsum, kein Fenster entlang der Massachusetts Street öffnete sich knarrend, um die grimmige Kolonne unter Feuer zu nehmen ...
Einige der Eindringlinge trugen Transparente: "South Carolina" war da zu lesen, "Rechte des Südens" - die Beobachter hinter den geschlossenen Fenstern verzogen verächtlich die Mundwinkel -; "überlegenheit der weißen Rasse" - die Beobachter zuckten die Achseln -; "Kansas, unser Außenposten" - die Beobachter ballten die Fäuste. Eine Fahne war mehrfach schwarz-weiß gestreift: Das sollte wohl bedeuten, dass die weiße Gesellschaft zu ihrem Bestehen schwarze Sklaven brauche!
An der Spitze des Zuges ritt Samuel Jones, Sheriff des Douglas County von Kansas, der sich immer wieder an die Seite griff, denn die Yankees hatten ihn schon einmal angeschossen, und er hatte damals Glück gehabt, dass er wieder vom Krankenlager hochgekommen war.
In der Mitte der Strasse hielt Jones an und gab seinen verwegenen Gestalten ein weit ausholendes Zeichen mit der Hand, weiterzumarschieren. Er selbst stieg umständlich vom Pferd und hob mit spitzen Fingern ein zerknülltes Zeitungspapier auf: "Dieses Schmutzblatt!" rief er augenrollend, "Herald of Freedom - von den Affen aus dem Norden!"
"Noch verlogener als diese andere Sudelküche, der Kansas Free State" pflichtete ihm General Richardson bei, der Kommandeur der Miliz des neuen Staates Kansas, der neben ihn getreten war.
Richardson hatte seinen militärischen Sachverstand zugunsten von Jones hintangestellt, um dem Sheriff als dem verhinderten Märtyrer der Sklavenhalter den Vortritt beim Marsch auf Lawrence zu lassen. "Wir säubern erst das Kaff und machen dann ihre Druckerei kaputt!" verkündete Jones nun, "die Yankees verdienen es nicht anders!"
Mittlerweile waren ein paar seiner Männer vom Ortsende zurückgekommen: "Kein Widerstand weit und breit, die Yankees kneifen!"
"Also los, Männer", rief Jones, "General Richardson ist derselben Ansicht: Legt den Stinktieren von Kansas Free State und vom Herald of Freedom das Handwerk! Macht ihre Druckerei kaputt! Schmeißt ihre Maschinen in den Fluss! Ich will Trümmer sehen, Trümmer!"
Einige lachten, während die anderen schon losstürmten: Sie wussten genau, wo die vehasste Druckerei lag, und sie wussten nun auch, dass die Yankees sie nicht hindern würden.
Sheriff Jones verschränkte die Arme wie ein Feldherr und blickte der davonstürmenden Horde nach. Richardson tippte ihm auf die Schulter: "Und wenn unsere Leute hier Whiskey finden, etwa in dem Hotel hier von diesem Eldridge, der Spinne im Netz der Yankees?"
"Dann saufen sie ihm eben den Whiskey weg, und er haut ab, zurück über den Missouri, von wo er gekommen ist. Na und?" erwiderte Sheriff Jones mit Festigkeit. Dann stutzte er: "Eldridges Hotel! Natürlich! Dass ich daran nicht gedacht habe! Das einzige Steinhaus am Ort! Die Festung der Yankees!" Er drehte sich um: "Und da stehen unsere Kanonen stumm herum. Sie sollen Tod und Verderben speien gegen dieses Yankee-Bollwerk!"
Währendessen krachte und splitterte es in einer Seitenstrasse heraus: Die Druckereimaschinen waren entdeckt worden und gingen nun unter den Äxten und Beilen des Mobs in Trümmer.
"Sklaven sind viel bessere Maschinen" krähte einer, während er in kindischer Zerstörungslust mit den Bleibuchstaben aus der Setzerei um sich warf. "Und außerdem beschimpfen sie ihre Herren nicht wie diese Yankees von ihren Schreibtischen aus!"
Die Rede ging unter im Toben, Jubeln und Krachen zerbrechender Metallteile. Einer hatte über dem Eingang der Druckerei eine Schlinge befestigt und einen Fetzen, zu einer Kugel geballt, hineingestopft. Der Fetzen trug einen Zettel, auf den der Name "Eldridge" gekritzelt war. "Immer noch besser als Teeren und Federn!" brummte Sheriff Jones zustimmend und pflanzte sich vor der verwüsteten Druckerei auf.
"Gute Arbeit, Männer!" rief er mit dröhnendem Bass: "Das Nest der Lüge ist vernichtet! Aber vergesst nicht Eldridges Hotel, Männer! Wozu haben wir Kanonen mitgebracht?"
Er ritt zum Eingang des Hotels. Zwei seiner Plünderer hielten dort mit harten Fäusten einen städtisch gekleideten Herren fest, der seine Gesichtszüge mit eisiger Verachtung maskierte.
"Das ist Pomeroy" schrie einer der beiden: "der Agent der Verbrecherbande, die die Yankees in Massen hierher holt, um uns auszuräuchern!"
"Mister Pomeroy" rief Sheriff Jones: "Als Deputy Marshall der Vereinigten Staaten und als Sheriff von Douglas County fordere ich Sie auf, mir alle Handfeuerwaffen und sämtliche Artillerie von Lawrence unverzüglich auszuliefern!" Seine Stimme hallte nach, Spannung lag über der Straße.
"Sheriff, das kann ich nicht!" erwiderte Pomeroy ruhig.
"Wieso?"
"In Übereinstimmung mit dem Verteidigungskomitee dieser Stadt ..."
"Verteidigungskomitee? Ihr Rebellen! Ich habe hier die Autorität, ich der Sheriff und Deputy Marshall!" ´Der fährt mich an, als ob ich der allerletzte Indianer wäre', dachte Pomeroy, aber er fuhr unbeirrt fort: "... habe ich festgestellt, dass die Handfeuerwaffen privates Eigentum sind und daher weder ausgeliefert werden dürfen noch müssen!"
"Aufhören! Frechheit!" erscholl es hinter Sheriff Jones, und Pomeroy fügte rasch hinzu: "Aber es gibt eine einzige Kanone im Ort, die wir ihnen gerne ausliefern, die war schon im Krieg gegen Mexiko dabei."
"Her mit ihr!"
"Meine Herren, ich mache mich sogar erbötig, Sie zum Arsenal zu führen ..."
"Wissen wir selber, wo das liegt. Doch kommen Sie mit; hier am Hotel" - Sheriff Jones grinste hämisch - "kann ich nicht für ihre Sicherheit garantieren!"
Wahrend Pomeroy mit General Richardson und einigen anderen Männern verschwand, ließ Jones das Hotel "räumen" - d. h. seine Leute schmissen die Möbel auf die Straße, übten mit Lampen, Flaschen und Gläsern Weitwurf und verschwanden schreiend und fluchend, als ein Kanonenschuss einen der Holzbalken des Hotels zertrümmerte. "Weg da, ihr Idioten!" scholl es durch den Pulverdampf. "Wir machen die Hütte mit unseren Kanonen nieder!"
Dreißig Schüsse, so gab ein Augenzeuge später zu Protokoll, folgten; und nachdem der Lärm sich gelegt hatte, rauchte der Dachfirst, hing die Eingangstür schief und waren einige Fensterrahmen verschwunden. Aber das Hotel war keineswegs in Grund und Boden geschossen!
"Hätte ich euch gleich sagen können", bemerkte der zurückgekehrte General Richardson. "Jagt es doch mit Sprengstoff in die Luft, das geht einfacher!" Die Augen von Sheriff Jones glitzerten vor Zerstörungslust, als seine Leute mit Feuereifer ein Fässchen Sprengpulver herbeirollten und die Lunte entzündeten.
"Was habt ihr mit Pomeroy gemacht?" flüsterte Jones, während er fasziniert dem entlangwandernden Funken nachsah. "Ach, der ist abgehauen, wahrscheinlich schwimmt er jetzt mit den Resten der Druckmaschinen im Kansas River ..."
"Ihr hättet ihn ruhig zu Wolfsfutter machen können ..." Ein dumpfer Krach ließ das Hotel erbeben, doch das Gebäude stürzte keineswegs zusammen. Nur Rauch quoll aus seinen Fenstern und ein Balkonpfeiler knickte langsam ein. "Sind wir etwa zu dumm, den Yankees eine Abreibung zu geben?" fragte General Richardson rhetorisch, in seiner Ehre als gelernter Zerstörer betroffen. "Zünden wir das dämliche Hotel an, und sparen wir unser Pulver!"
"Whiskey!" Wo kam der Ruf her? Noch mal, dumpfer: "Whiskey, Männer! Hier ist Whiskey! Sauft den Yankees ihren Whiskey weg!" Das kam aus dem Keller des Hotels. "Nicht saufen, Leute! Kaputtmachen ist besser!" beschwor Jones seine Mannen. "Das sagt der Reverend auch immer, Sheriff" lacht einer und stürmte voran in den Keller.
Das heißt, erst wurden die Whiskeyfässer liebevoll ans Tageslicht befördert, und dann ging das Hotel in Flammen auf. Bald brannte ein Großteil der gerade erst aus dem Boden der Prärie gestampften Stadt, die triumphierende "Sklavenhalter-Armee" plünderte, wo es etwas zu holen gab, wirbelte die neuesten Herren- und Damenmode aus New York und Philadelphia durch die Luft, watete in Whiskey, Bier, Wein und Schnaps - die letzten Sonnenstrahlen dieses 21. Mai 1856 gingen über einem trunkenen Chaos unter ...
weiter nach: Wiedersprüche im gelobten Land oder zurück
© 2003 by Charles Löffler