Onkel Toms Ahnen
Unmittelbar nach Gründung der USA schien es, als ob die Sklaverei zum Aussterben verurteilt sei. Der Baumwoll-Boom führte dann zu einer gewaltigen Neubelebung dieser Wirtschaftsform. Ihre Wurzeln reichen in Amerika aber weit zurück:
Aufregung herrscht unter den Männern, die sich an der Anlegestelle versammelt hatten. Das Schiff, das sich an diesem Nachmittag im August 1619 Jamestown näherte, ist sichtbar vom Sturm geschunden: Ein Mast ist an der Spitze gebrochen, viel Tauwerk hängt lose herunter. Keine Flagge zeigt, wo der Dreimaster beheimatet ist.
Das fremde Schiff stoppt vor dem Hafen. Matrosen springen ins Beiboot und nähern sich dem Ufer. Bald steht einer vor der Gruppe der Siedler, der wilde Bart und das Holzbein geben ihm ein wenig vertrauenerweckendes Aussehen.
"Ich bin Käpt`n Jope. Ich brauche frisches Wasser und Lebensmittel", erklärt der Mann in einem Akzent, der ihn als Holländer ausweist.
Joe Klinger, der sich als Sprecher der Siedlung fühlt, tritt auf den fremden Seemann zu: "Wo segelt ihr hin, und was ist Eure Fracht?", will er wissen.
Käpt`n Jope lächelt verbindlich: "Weit weg ist unser Ziel, und besonders unsere Ladung".
"Könnt Ihr für die Verpflegung zahlen?", fragt Joe nach.
"Geld haben wir nicht, aber wertvoll ist unsere Fracht."
"Ihr müsst schon sagen, was Ihr zu bieten habt", wird Joe langsam ungeduldig.
Ein breites Grinsen geht über das Gesicht des Kapitäns: "Menschenfracht!"
Die Männer von Jamestown blicken sich erstaunt an, und die Überraschung wächst, als das Beiboot schließlich Neger zur Anlegestelle bringt. Menschen mit schwarzer Hautfarbe, das hat noch keiner von ihnen gesehen. Was sollen wir mit einem solchen Tausch anfangen? Zwei Stunden lang dauern die Beratungen der Siedler. Am Ende setzen sich diejenigen durch, die meinen: Jede Hand wird gebraucht, um ihre neue Heimat aufzubauen! Aber wo kommen die Neger her?
Am Abend, als die Siedler den fremden Käpt`n zum Umtrunk einladen, erfahren sie bruchstückhaft eine Geschichte, die den wenigsten schmeckt: Das fremde Schiff ist ein Freibeuter, der den spanisches Handelsschiff mit Sklaven für Westindien gekapert hat. Es war dann tatsächlich ein Sturm gewesen, der die Holländer bis Virginia getrieben hat. Obwohl vieles am Schicksal der Neger geheimnisvoll bleibt, kommt es zum Geschäft zwischen den Siedlern und Käpt`n Jope ...
Der Überlieferung nach sind in jenem August 1619 das erste Mal afrikanische Negersklaven nach Nordamerika gelangt. Sogar ihre Namen sind überliefert: Anthony, Isabella und Pedro ... Insgesamt waren es 20 Leidensgefährten, die damals in Jamestown gegen Vorräte eingetauscht wurden. Anthony und Isabella heirateten, und 1624 gebar Isabella das erste Kind mit schwarzer Hautfarbe auf dem nordamerikanischen Kontinent.
In jenen Jahren unterschied sich das Los der importierten Afrikaner kaum von dem armer Siedler, die von Europa aus freiwillig in die Neue Welt ausgewandert waren. Land besitzen und wählen durften die ersten Neger in Amerika, als Zeugen waren sie vor Gericht anerkannt, und Ehen mit Weißen erweckten keinen Anstoß. Es sind sogar Fälle überliefert, in denen Neger weiße Diener anheuerten! Das alles änderte sich zwischen 1667 und 1682, als neue Gesetze der Gleichberechtigung ein Ende setzten. Die Neger wurden aller persönlichen Rechte beraubt.
Viel Wohlstand in Boston, Newport, New York und in den Häfen des Südens entstand durch den Handel mit der Ware Mensch. Einer der wichtigsten Umschlagplätze wurde Charleston; zahlreiche Importeure standen dort in Konkurrenz, selbst mancher Krämer bot neben Kleidung und Branntwein auch Sklaven feil. Interessenten konnten auch, wie im Versandhandel, schwarze Arbeitskraft bestellen.
Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg standen die Neger mit an der vordersten Front gegen die Kolonialherren. In den Nordstaaten war als Folge der Menschenrechtsbewegung die Freiheit ihr Lohn. Ein Chronist schrieb: "Zeitweise schien es so, als würde auch im Süden die Sklaverei sterben. Aber die Erfindung der Baumwollmaschine und anderer industrieller Maschinen kühlte den revolutionären Schwung der Südstaatler."
Baumwolle, Zuckerrohr und Tabak wurden dank neuer Pflanzensorten und neuer Verarbeitungsmethoden zur Quelle von Wohlstand, und während im Norden die Farmer ihre kleineren Landflächen selbst bearbeiteten, schien auf den großen Plantagen im Süden die Arbeitskraft der Negersklaven unersetzbar zu sein. Manche Großgrundbesitzer hielten sich ein Heer von 1000 oder mehr gekauften Negern als Voraussetzung ihres Profits.
Die Statistiken besagen: 1800 gab es eine Million Schwarze in den Vereinigten Staaten, 1820 schon 1,77 Millionen und 1840 gar 2,87 Millionen. Der Anteil der Sklaven darunter blieb dabei von 89,2 bis 86,6 Prozent ziemlich konstant. In South Carolina und Mississippi stellten sie die Mehrzahl der Bevölkerung, nördlich von Charleston 88 Prozent, an der Küste Georgias 80 Prozent ...
Augenzeugen sagen: Das Los eines Sklaven in den amerikanischen Südstaaten war ein Alptraum. Einige Forscher vergleichen sogar die Erfahrungen der Negersklaven mit jenen der Juden in den Nazi-Lagern, was zumindest für die Einschätzung als "Ware", für die Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein an sadistische Aufseher zutrifft. Sklave zu sein, das bedeutete: Eigentum eines anderen Menschen zu sein, wie ein Gegenstand verpfändet und gegen den eigenen Willen an fremde Orte verkauft werden können.
Kinder wurden den Eltern genommen; den Sklaven Gewalt anzutun, ahndete kein Gericht. Ehen zwischen Negern hatten keine Gültigkeit. Anzeigen der Händler priesen jedoch die Gebärfreudigkeit von Negerfrauen wie die Qualität von Zuchtrindern und -pferden.
Um vier Uhr früh riss üblicherweise ein Horn oder eine Glocke Onkel Toms Vorväter aus dem Schlaf. Minuten später hatten sie auf dem Weg zum Feld zu sein. Wer trödelte, bekam die ersten Peitschenhiebe dieses Tages. Die Arbeit dauerte an, bis das Tageslicht verschwand. Kinder waren aus Sicht der weißen Herren mit sechs oder sieben Jahren "reif" genug zur Feldarbeit.
Wenig kosten sollte der Unterhalt der menschlichen Arbeitstiere, entsprechend menschenunwürdig war deshalb in vielen Fällen ihre Behandlung. Meist war einmal pro Woche Essensausgabe: Ein Gefäß voll Getreide und drei bis vier Pfund Speck waren die übliche Ration. Das reichte nicht vorn und nicht hinten, und war zudem höchst einseitig und ungesund. Glücklich waren da die Sklaven, denen die Anlage eines Gemüsegartens gestattet war. Zweimal im Jahr war Kleiderverteilung: zwei Hemden und zwei Baumwollhosen in Einheitsgröße. Die Unterkunft bestand oft nur aus Holzbaracken, in denen sich fünf oder sechs Bewohner ein Zimmer teilen mussten.
Und dann war da die willkürliche "Bestrafung" mit der Peitsche aus Rindsleder. 39 Hiebe waren das Einheitsmaß - wofür, das hat der Sklave in den wenigsten Fällen gewusst. Vielleicht passte dem Aufseher nicht, dass der Neger auf Ansprache antwortete. Oder vielleicht, dass er nicht antwortete. Oder es war falsch, was er antwortete ...
Natürlich gab es nicht nur den Typ des brutalen Tyrannen unter den Plantagenbesitzern, sondern auch wohlwollende Patriarchen unter den Sklavenhaltern. In jedem Fall war der Alltag der Feldsklaven geprägt vom Rhythmus des Tabak- und Baumwollanbaus und vom Streben der weißen Herrschaft nach Gewinn.
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© 2003 by Charles Löffler