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Nord, Süd und West

"Yankees", "Knickerbocker", "Teerjacken"

Der typische "Yankee" war der amerikanische Brite - meist Schotte - der in den fünf Neuenglandstaaten seine Heimat gefunden hatte. Die vier Evangelisten seines puritanischen Glaubens hießen: Erziehung, Sparsamkeit, Findigkeit und Rechtschaffenheit. Um 1790 lebte der Großteil der Yankees in weit auseinanderliegenden Farmen. Die Familien waren groß. Hatte ein Yankeefarmer drei Söhne, so wurde der eine Gelehrter oder Geistlicher. Der zweite erhielt ein Stück Wildnis zum Urbarmachen, und der Dritte bestritt seinen Lebensunterhalt durch Lohnarbeit, fuhr zur See oder erlernte ein Gewerbe. Die Frauen stellten in Heimarbeit Tuch zum Verkauf her. An den zahlreichen Wasserfällen im Land entstanden Walk- und Papiermühlen. Im Winter produzierten die Farmer Holzwaren für den Export oder stellten in Hausschmieden Draht her. An manchen Orten entstanden Schuhmachereien. Die Neuenglandstaaten waren von Farmwirtschaft, Schifffahrt und Kleinhandwerk geprägt.

Die Mittelstaaten dagegen wiesen eine geringere wirtschaftliche und soziale Einheitlichkeit auf. Im Staat New York lebten die holländischen "Knickerbocker" neben den Nachkommen englischer und hugenottischer Kaufleute. Deutsche, sephardische Juden, Schotten und Iren stellten den Rest der Einwohner. New York war damals der "aristokratischste" unter den amerikanischen Staaten. Um 1780 hielt jede sechste Familie Sklaven, Großgrundbesitzer und Kaufmannsfamilien gingen Verbindungen ein und vergrößerten dadurch ihr Vermögen. Sie machten ihre Gewinne auch durch Bodenspekulationen im Westen.

Die Stadt New York selbst, an der Mündung des Hudson-River gelegen, war das natürliche Tor zum Hinterland. Der Eriekanal verhalf ab 1825 der Stadt zum Ruf als Tor zum Westen und zum Aufstieg zum Handels- und Finanzzentrum der Union. New Jersey zählte hingegen weniger als 200 000 Einwohner. Gepflegte Farmen gaben ihm sein Gepräge. Am Passic-Fluss, in der Nähe von Newark, gründete die Aktiengesellschaft Paterson das erste Fabrikdorf Amerikas.

Zum Mikrokosmos des zukünftigen Amerika hatte sich Pennsylvanien entwickelt, der zweitgrößte Staat der Union mit rund 435 000 Einwohnern. Hier lebten der wohlhabende Kaufmann neben dem wilden Grenzer. Bis 1825 war Philadelphia der Haupteinwanderungshafen und die erste Handelsstadt in der Union gewesen. Pennsylvania war zugleich der "Garten Amerikas". Die europäischen Missernten machten infolgedessen gerade seine Farmer und Kaufleute zu reichen Leuten.

Bereits zum "Süden" gehörte Delaware, der am dünnsten besiedelte Staat der Union. In ihm und im benachbarten Staat Maryland machte die Sklaverei einen wesentlichen Bestandteil des Wirtschaftssystems aus. Aus Maryland kam das beste Weizenmehl Amerikas; dort wurde auch eine Tabaksorte angebaut, die vor allem in Frankreich ihren Absatz fand.

Virginia war um 1790 der dichtest bevölkerte, selbstbewussteste und wohlhabendste amerikanische Staat. Zunächst stand der Tabakanbau im Vordergrund der Landwirtschaft. Als seine Ertragsfähigkeit sank, stellten die Pflanzer auf Weizenbau und Graswirtschaft um. In diesem Staat entstand die Aristokratie kleiner Pflanzer, die hartnäckig und erfolgreich ihre soziale Stellung behaupteten. Darunter gab es eine Schicht von Kleinbauern, die vom "Landadel" mit scheelen Augen als Analphabeten und streitsüchtige Gesellen betrachtet wurden. Im Tiefland stellten die Sklaven den größten Teil der Bevölkerung. Dort waren sie die eigentlichen Träger des Wirtschaftssystems, dessen Grundlage der Reisanbau bildete. Daneben gewann der Baumwollanbau immer mehr an Bedeutung.

Nordcarolina, der "Teerjackenstaat", wurde zum einen von virginischen Freibauern besiedelt, zum anderen von Farmern, die vorwiegend aus Deutschland, England und Schottland einwanderten. Seinen Spitznamen erhielt er durch seine Hauptausfuhrprodukte: Teer, Terpentin und Fichtenholz für die Schifffahrt.

"Typische" Südstaaten, in deren Wirtschaft Großplantagen dominierten, waren zunächst nur Südcarolina und Georgia. Hauptanbauprodukte waren Indigo, Reis, Tabak und zunächst - mangels Absatzmöglichkeiten - Baumwolle in nur bescheidenem Rahmen. Der dünn besiedelte Süden lockte aber wohlhabende Investoren aus dem Nordosten an, die sich aus dem Ausbau der Plantagenwirtschaft gute Profite versprachen.

"Dieser Bundesstaat ist als Zwerg zur Welt gekommen. Eines Tages wird er ein Riese sein, ja ein Koloss, der den europäischen Ländern gefährlich wird ... In wenigen Jahren werden wir mit Sorgen auf das Dasein dieses Kolosses blicken". Die Vorahnungen des spanischen Gesandten, der diese Zeilen kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg nach Madrid schrieb, sollten sich bald als berechtigt erweisen. Denn nach Kriegsende begann im "alten Westen" die Organisation neuer Staaten:

       Kentucky 1792                          Tennesse 1796

       Ohio 1803                                Louisiana 1812

       Indiana 1816                            Mississippi 1817

       Illinois 1818                             Alabama 1819

       Maine 1820                              Missouri 1821

       Arkansas 1836                          Michigan 1837

       Florida und Texas 1845              Iowa 1846

       Kalifornien 1850                        Minnesota 1858

       Oregon 1859

.... aus dem "Zwerg" war tatsächlich ein "Riese" geworden!

 

Gewaltig stieg auch die Einwohnerzahl - von 4 auf über 8 Millionen im Jahre 1820, und schließlich auf 31 Millionen bei Ausbruch des Sezzionskrieges. Von diesem Gesamtzuwachs entfielen mehr als fünf Millionen auf Neu-Einwanderer.

Land fanden fast alle diese Menschen in den neu erworbenen oder eroberten Gebieten. Rund 50 Prozent der Gesamtbevölkerung lebte 1860 bereits jenseits der Appalachen. Dies brachte eine Verschiebung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gewichte in den USA mit sich: Bis 1860 waren die drei Regionen, der Nordosten, der Westen und der Süden etwa gleich stark. Verbündeten sich zwei von ihnen, so konnten sie den dritten Landesteil unter ihre Kontrolle bringen ...

Beschränken wir unseren Blick auf die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser großen Völkerwanderung: Im mittleren Westen wurden die Farmer zum Grundelement der Gesellschaft. Sie produzierten vor allem Nahrungsmittel: Weizen und Mais, Rinder und Schweine. Ging ihr Gütertransport zunächst in südliche Richtung, um dort auf den Plantagen und in den Städten abgesetzt zu werden, so änderte sich dies mit der Eröffnung der Ost-West-Straßen und -Kanäle. Die Waren flossen nun nach Osten. Von dort kamen Fertigwaren, die der Süden nicht liefern konnte. Das wirtschaftliche Band zwischen West und Ost wurde so ständig stärker und ein machtvoller Einflussfaktor für die gesamte Bundespolitik. Hinzu kam, dass der Westen immer mehr Nahrungsmittel für den Export produzierte. Dies verstärkte das Interesse der Westler an der Außenpolitik.

Mindestens ebenso wichtig, vielleicht noch entscheidender wie der Zug nach Westen, war die ökonomisch-soziale Revolution: Mit der Errichtung einer Baumwollspinnerei in Pawtucket und der Erfindung einer Baumwollentkernungsmaschine begann eine neue wirtschaftliche Epoche. Im Nordosten entstanden - auch ausgelöst durch die Lähmung des Überseehandels während der Napoleonischen Kriege - zahlreiche Textilfabriken. Der Mechanisierung auf dem Baumwollsektor folgten mechanische Herstellungsverfahren bei Schuhen, Lederwaren, Möbeln, Brauereierzeugnissen, landwirtschaftlichen Maschinen, Büchern, Papier und Werkzeugen. Die Eisen- und Stahlproduktion nahm durch die Verwendung von Anthrazitkohle zur Verhüttung und durch die Verfeinerung der Stahlherstellung durch das Bessemer-Verfahren riesigen Aufschwung. Die Mechanisierung griff rasch auf den Transport- und Verkehrsbereich über - es begannen die Dampfschifffahrt und das Eisenbahnwesen.

Der Nordosten wurde jetzt zum Zentrum der Schwerindustrie. Von hier wurden der Westen verstärkt auch der Süden mit Fertigwaren beliefert. Die Fabrikanten erzielten hohe Gewinne, die Kaufleute begannen ihre wirtschaftlichen Netze rund um die Welt zu knüpfen, und auch die Bankiers profitierten.

Der Osten wurde so zur stärksten Wirtschaftsmacht der die drei Regionen. Seine Konsumgüter gingen in den Westen und den Süden. Die Nahrungsmittel und die Baumwolle, die er von dort im Gegenzug erhielt, exportierte er ins Ausland und kaufte von dort Waren, um sie zu importieren. Aus dem Osten kam das Geld in die beiden anderen Landesteile.

Die Arbeitskräfte kamen nun vermehrt aus Übersee, vornehmlich aus Irland und dem von Revolutionen gebeutelten Mitteleuropa. Das soziale Gesicht der Union begann sich zu verändern: Im Norden entstanden Fabrikstädte mit einer Bevölkerung von besitzlosen Arbeitern.

Derweil breiteten sich im Süden die Baumwollplantagen rapide aus. Dafür benötigte man billige Arbeitskräfte; die Sklaverei lebte neu auf. Nun arbeiteten hunderte, ja tausende von Sklaven auf einer Plantage. Sie standen unter der Fuchtel von weißen Aufsehern, die dem Besitzer verantwortlich waren. Deren Anzahl war, gemessen an der Gesamteinwohnerzahl, relativ klein; für die übrigen Weißen war das Leben im Süden eintönig und hart. Die Großplantagenbesitzer aber prägten das Bild der Gesellschaft.

Wirtschaftlich betrachtet, hätten Norden, Westen und Süden eine Einheit bilden können, ja, durch die Spezialisierung und die Abhängigkeit voneinander hätte es zu einem Zusammenschluss kommen müssen. Doch das Gegenteil trat ein: Der Nordosten beherrschte wirtschaftlich die gesamte Nation und wollte die alleinige Führung. Die regionalen Zwistigkeiten verschärften sich. Den Südstaaten ging es um die Beibehaltung der Sklavenwirtschaft, die im Norden abgelehnt wurde. Der Streit ging aber auch um die Kontrolle der neuen Weststaaten, die Förderung des Westens durch Bahnbau und Landverteilung, und nicht zuletzt ging es um die Einrichtung von Schutzzöllen, die den Absatz der Produkte des Nordens auf dem Binnenmarkt schützen sollten, damit jedoch die Exporte aus dem Süden gefährdeten. Die Eiferer und Demagogen gewannen die Oberhand; der junge Riese USA drohte wirtschaftlich, sozial und politisch zusammenzubrechen.

 

 

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© 2003 by Charles Löffler


Letztes Update: 05.10.2006


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