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Geburt einer Nation

Der Krieg um die Unabhängigkeit

Laut Vorlesungsplan steht heute der amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Programm... Der Professor lehnte seine verschränkten Arme auf das Katheder und musterte seine Studenten über den Rand seiner Brille hinweg:

"Sie erwarten also von mir, dass ich ihnen eine ganze Reihe von Schlachten aufzähle, gespickt mit Daten und Namen, die sie dann bei einer Prüfung wieder loswerden können. Nun, meine Damen und Herren, ich werde sie enttäuschen!" Mit einem spöttischen Lächeln schob er seine Notizen zur Seite: "Alles das können sie in der Bibliothek nachlesen - und abschreiben. Ich erzähle ihnen heute nur von Personen, die jedes Kind in Amerika kennt und gehe mit ihnen zu Schauplätzen, die sie heute noch besuchen können..."

Beginnen müssen wir unsere Reise natürlich in Boston - heute eine Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern, darunter besonders viele Millionäre. In den 1770er Jahren war es ein Hafennest von 10.000 Einwohnern, von denen ein Gutteil vom Schmuggel lebte.

Dass dies der Hauptgrund war, warum Boston zum Zentrum des antibritischen Widerstandes wurde, haben wir schon gehört, und wenn sie die Schauplätze der dort geschilderten Ereignisse - vom Massaker bis zur Teeparty - suchen, dann müssen sie nur den "Freedom Trail", dem "Weg der Freiheit" folgen, der mit blutigroten Pflastersteinen gekennzeichnet ist.

Zu den Städtchen Lexington und Concord, heute praktisch Vororte von Boston, können wir hingegen den Spuren jenes Paul Revere folgen, dessen nächtlicher Ritt, um seine Landsleute vor den anmarschierenden Rotröcken zu warnen, zur amerikanischen Legende wurde. Revere war übrigens nicht alleine: Ein gewisser William Dawnes begleitete ihn, der aber einen erheblich schlechten Presseagenten gehabt haben muss...

Der folgende Sieg über die lustlosen Soldaten Georgs III. gab der Moral der Amerikaner gewaltigen Auftrieb. Dass man aber mit Moral allein keinen überlegenen und gedrillten Gegner besiegen kann, erlebten die Amerikaner rasch am nahen Bunker Hill, wo sie die erste "richtige" Schlacht des Krieges verloren. Und nicht viel besser ging es ihrem Versuch, den Aufstand nach Kanada zu tragen: Quebec und Montreal blieben bei der britischen Krone.

Inzwischen war das Jahr 1776 gekommen, und damit müssen wir weiterreisen, nach Philadelphia, der damals größten Stadt Amerikas und die "Wiege der Revolution". All die Erinnerungsstätten aufzuzählen, ist unmöglich - die Stadt wimmelt davon:

Hier wohnte Benjamin Franklin, der skurille Nestor der Revolution, und verbrachte seine Zeit mit Bücherschreiben, Erfindungen machen und Witze erzählen. Dort hat Betsy Ross - angeblich - das erste Sternenbanner genäht. Hier bastelte Thomas Jefferson am Text der Unabhängigkeitserklärung, und dort steht "Carpenters Hall", wo sich die 39 Vertreter der 13 Kolonien versammelten.

Die Herren waren unterschiedlichster Herkunft und vertraten die widersprechendsten Interessen: Die Plantagenbesitzer aus Georgia und die Holzfäller aus New Hampshire waren sich nicht nur geographisch so fremd wie etwa die Sizilianer einem Friesen! Einig waren sich die "Väter der Revolution" nur in einem Punkt: Es war besser, die Debatten trotz hochsommerlicher Temperaturen bei geschlossenem Fenster zu führen, als sich ständig gegen die Schmeißfliegen zu wehren, die vom benachbarten Viehstall herüberkamen...

Auch waren sich die meisten Herren gar nicht so sicher, ob es denn wirklich besser sei, sich vom Mutterland zu lösen, und schüttelten eher bedenklich den Kopf, wenn der berühmte Redner Patrick Henry forderte: "Wenn das, was wir tun, Hochverrat ist, dann lasst ihn uns wenigstens richtig begehen!" Es bedurfte schon der politischen Weitsicht und Geduld Jeffersons, der Sturheit des allseits unbeliebten John Adams und des Humors Franklins, um die Kollegen dazu zu bringen, die Unabhängigkeitserklärung zu unterschreiben.

Schließlich hatte man sich auf eine gemeinsame Texterfassung geeignet und musste zur Unterzeichnung kommen, wobei keiner der Abgeordneten darüber im Zweifel war, dass er sich mit seiner Unterschrift Anspruch auf einen britischen Galgen erwarb. Um den Zögernden mit gutem Beispiel vorauszugehen, schrieb der Vorsitzende John Hancock mit großen, energischen Buchstaben seinen Namen unter die Erklärung - und seither setzen die Amerikaner bis heute ihren "John Hancock" unter riskante Vertragswerke...

Was zu weiterer Verunsicherung beitrug, waren die nervenden, pessimistischen Berichte des neuernannten Oberkommandierenden George Washington, einer der reichsten Pflanzer und Sklavenhalter aus Virginia - sein luxuriöses Gut in Mount Vernon nahe Washington ist eine Hauptattraktion für Amerikatouristen.

Washington hatte etwas mehr Militärerfahrung als die übrigen Rebellen - wenngleich dies auch schon 16 Jahre her war -, doch noch nie mehr als 1.200 Mann kommandiert. Nun sollte er eine Armee aus dem Boden stampfen und zum Siege führen!

Anfangs gelang dies sogar: Er eroberte Boston zurück; aber dann geschah, was vorauszusehen war: Bei seinem Versuch, New York zu erobern, erlitt er empfindliche Niederlagen und musste sich schleunigst nach New Jersey zurückziehen. Manhattan, Brooklyn Heights, White Plains, Long Island - hier fanden die entscheidenden Gefechte statt - sind heute Namen, die an das Häusermeer von New York erinnern. Wer aber jetzt an wütende Straßenschlachten im Schatten der Wolkenkratzer denkt, irrt gehörig. Es ging zwar um den Besitz der Halbinsel Manhattan, aber der Broadway, auf dem man sich vorzukämpfen versuchte, war lediglich ein holpriger Pfad durch Felsgestein und Buschwerk; und nur verstreute Gehöfte lagen nördlich der Wallstreet.

In den Jahren 1776 bis 1778 folgte jene Unzahl von Schlachten, in denen die junge "Rebellenarmee" meistens recht alt aussah. Den Niederlagen bei Lake Champlain, Brandywine, Philadelphia, Germantown usw. stehen lediglich ein Sieg bei Saratoga gegenüber - mit dem die Amerikaner wenigstens verhindern konnten, dass die nördlichen von den südlichen Kolonien getrennt wurden - sowie Washingtons Überraschungscoup in der Weihnachtsnacht 1776; die legendäre und oft gemalte Überquerung des Delaware. Jedenfalls musste er im darauffolgenden Winter im Lager bei Valley Forge versuchen, seine hungernden, frierenden und zu Hauf desertierenden Truppen zusammenzuhalten, während die Briten fortdauernd Verstärkung aus Europa erhielten. Hauptsächlich waren es deutsche Soldaten, die von ihren Landesherren zum Kämpfen und Sterben nach Übersee verschachert wurden.

Den Amerikanern kamen dafür zahlreiche Abenteurer zu Hilfe - vor allem aus Frankreich, aber auch Deutsche oder Polen, die aus ihrem geteilten Land geflohen waren. Die Kolonisten mussten zwar feststellen, dass sich viele Herren ihre Adelsprädikate und Offizierspatente selbst verliehen hatten und vor allem das Etappenleben genossen, aber es gab auch rühmliche Ausnahmen: z.B. den (echten) Marquis de Lafayette, der sich Washington trotz seiner nur 19 Jahre rasch unentbehrlich machte, oder den wohl nicht ganz so echten Baron Steuben, der die amerikanischen Truppen mit friderianischem Drill allmählich in so etwas wie eine Armee verwandelte. Bei der alljährlichen "Steubenparade" am 17. September in New York ist freilich vom Stechschritt nichts zu sehen: Das ist ein buntes Festival aller deutschstämmigen Einwanderer.

Mit dieser Unterstützung und nicht zuletzt mit Geld aus dem arg strapazierten Staatsschatz Ludwigs XVI. von Frankreich, konnte Washington sein strategisches Ziel erreichen: auszuhalten, bis die Briten die Lust am Krieg verloren. Tatsächlich wurde der Kampf um Amerika im Mutterland zusehends unpopulärer. Er schädigte den Handel und kostete einen Haufen Geld - da machten sich sogar Kaufleute das Argument zueigen, welchen Sinn es denn habe, Loyalität über viele tausend Meilen hinweg erzwingen zu wollen...

Als im September 1781 die britische Armee unter Cornwallis von einer kombinierten Land-See-Aktion der Amerikaner und Franzosen in Yorktown - heute ein beliebtes Ausflugsziel an der Chesapeake Bay - eingeschlossen wurde und am 19. Oktober kapitulieren musste, bedeutete die das Ende des Krieges.

Der Friede wurde 1783 geschlossen, in Paris: Die Franzosen ließen sich diesen Triumph über den englischen Erzfeind nicht entgehen. Und wenn das Unterzeichnen einer Niederlage auch kein Vergnügen ist, so glaube ich doch, dass die britischen Unterhändler heimlich gelächelt haben: Sie mussten bemerken, welch ein Kuckucksei sich die Franzosen mit ihrer Begeisterung für die amerikanische Revolution ins Nest gelegt hatten. Und aus den freien Kolonien würde ohnehin nichts Vernünftiges werden! Von Ihnen, meine Damen und Herren, darf ich hoffentlich eine bessere Meinung haben...Guten Tag!"

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© 2001 by Charles Löffler

 

 


Letztes Update: 02.10.2006


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