Die Ureinwohner Nordamerikas
Als die ersten Europäer den nordamerikanischen Kontinent betraten, da erschien er ihnen ziemlich leer - dort lebten lediglich ein- bis eineinhalb Millionen Ureinwohner, die zumeist als Jäger und Sammler umherstreiften, etwas seltener sesshafte Ackerbauern waren - kein Vergleich mit den Azteken, Mayas oder Inkas!
Waren diese "Wilden" überhaupt Menschen? Nicht nur die spanischen Konquistadoren zweifelten daran - natürlich schon aus Eigennutz, um die Ureinwohner wie Vieh behandeln zu können - auch die kirchlichen Autoritäten machten in dieser Hinsicht Bedenken geltend.
Denn die "Indianer", wie Kolumbus sie genannt hatte, kamen in der Bibel gar nicht vor. Da aber ihre Existenz mit den Aussagen der Bibel irgendwie in Einklang gebracht werden musste, fabelte man etwas von einem Stamm des Volkes Israel, der sich beim Turmbau von Babel auf und davon gemacht habe, oder, die puritanische Version: Der Teufel selbst habe die Urväter der Indianer am Schlafittchen gepackt und auf dem riesigen Kontinent abgesetzt! Jedenfalls, sie waren auch Abkömmlinge Adams und Evas - das hatte der Papst im Jahre 1512 anerkannt.
Weiter kam man erst mit dem spanischen Jesuiten Jose de Acosta: Im Jahre 1590 erklärte dieser, da es keine zweite Arche Noah gegeben hatte, müssten die Menschen per Schiffbruch nach Amerika gekommen sein, und die Tiere über eine Landbrücke im Norden von Asien her.
Diese Vermutung wird durch die heute gängige Auffassung bestätigt, dass die Indianer des gesamten Doppelkontinents in grauer Vorzeit über Alaska und die Beringstrasse, die zeitweilig trockenen Fußes begehbar war, aus Nordostasien eingewandert sind.
Es dürften Jäger und Sammler in ziemlich kleinen Gruppen gewesen sein, die dem Wild nachzogen, das wiederum aus den kalten arktischen Regionen nach Süden drängte.
Die Jäger waren "Menschen wie du und ich", also von der Art des homo sapiens oder auch des Cro-Magnon-Menschen. Sie waren klimatisch extrem anpassungsfähig und gelangten durch die großen Ebenen, über die mittelamerikanische Landenge schliesslich bis nach Feuerland.
Möglicherweise kamen südlich des Äquators Einflüsse aus Polynesien hinzu, doch ansonsten weist nichts auf Einwirkungen von außerhalb des Kontinents hin.
Dies seit den Dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts feststehende Bild bleibt solange verbindlich, als man keine menschlichen Knochen findet, die älter sind als die angenommene Einwanderungswelle und mithin der Theorie Auftrieb geben könnten, es habe auch in Amerika von Anfang an Menschen gegeben, ganz ohne Einwanderung....
Auch so bleiben noch genug offene Fragen: Die Theorie vom Cro-Magnon-Menschen führt nicht über die Eiszeit zurück - damals waren jedoch große Teile Nordamerikas von dicken Gletschern überzogen.
Die Asiaten können also nur weitergewandert sein, als Nordamerika wieder gletscherfrei war, in den Zwischenräumen zwischen den Eiszeiten: Das geschah einmal vor 36.000 bis 32.000 Jahren, dann wieder vor 26.000 bis 13.000 Jahren.
In diesen Zeiträumen rückten die Gletscher zwischen den kanadischen Rockies und der Hudson-Bay auseinander und öffneten einen schmalen Korridor. Die Einwanderung könnte also in mehreren Schüben erfolgt sein, und die Vielgestaltigkeit der indianischen Sprachen scheint ebenfalls darauf hinzudeuten.
Mit von der Partie waren auch die Eskimos, deren Sprache der ostsibirischen Eingeborenensprache sehr ähnelt. Die Eskimos besitzen die mongoliden Rassenmerkmale deutlicher ausgeprägt als die Indianer: keine Adlernasen, sondern Stupsnasen, sowie die "Mongolenfalte" und den "Mongolenfleck" (= Lidfalte und blauer Fleck auf der Haut in der Nähe des Schlüsselbeins).
Daraus schließt man, dass die Eskimos Nordostasien erst vor wenigen Jahrtausenden verlassen haben, als diese Rassenmerkmale dort schon herrschend waren, die Indianer aber lange Zeit vorher übergesetzt sind.
Da die Jagdgründe in Kanada schon besetzt waren, mussten sich die Eskimos wohl mit der Küste des arktischen Ozeans und ihren vorgelagerten Inseln bescheiden.
weiter nach: Die lange Wanderung nach Süden oder zurück
© 2001 by Charles Löffler