Gottesmänner und Drachenschiffe
Auf der östlichen Seite des Atlantiks vernahm im 6. vorchristlichen Jahrhundert der athenische Staatsmann Solon von ägyptischen Priestern die Kunde vom Volk der Atlanter, die weit im westlichen Ozean leben sollten. Der Philosoph Platon nahm diesen Bericht auf und formte daraus seinen utopischen Inselstaat, auf dessen Suche die Menschen noch heute sind.
Strabo und Plinius, zwei Geographen der Antike, verbreiteten die Legende weiter. Karthagische Priester hielten Berichte wach, nach denen in grauer Vorzeit braunhäutige Seefahrer den Atlantik überquert haben, um ihre "alte Heimat" wiederzusehen.
Und auch Seneca träumt von einem Land im Westen. Die verschwommenen Spuren erhalten durch die seefahrenden Karthager, Normannen und Araber erst Konturen, die einer geschichtlichen Nachprüfung standhalten: Die Azoren werden entdeckt. Rmer finden die Kanaren und preisen sie als "glückliche Inseln".
Doch bis zum Kontinent im Westen ist es noch weit! Drachenschiffe aus dem Norden sind unter den ersten, die den Aufbruch zu neuen Ufern wagen. Doch bereits ab dem 6. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung trieb Weltflucht irische Mönche auf das offene Meer hinaus, um auf einsamen Inseln das beschauliche Leben von Einsiedlern zu führen. Sie finden den Weg zu den Hebriden, den Shetlands, zu den Färöern und nach Island.
Der heilige Brandan soll mit seinen Gefährten sogar die nordamerikanische Ostküste angesteuert haben. Obwohl seine geschichtliche Persönlichkeit gesichert ist, wird von Wissenschaftlern bezweifelt, dass er seine Füße jemals auf schwankende Schiffe gesetzt hat. Trotz erstaunlich genauer Beschreibung der "Weintraubeninsel" traut man diesen Berichten nicht so recht, und dies gilt auch für andere irische Seefahrten, die bis Nordamerika geführt haben sollen. Norweger und Dänen waren nach den Iren die nächsten, die als Europäer den Sprung wagten.
Bei ihnen verschärfen sich die Konturen der Überlieferung erheblich: Von den Fahrten Erik des Roten, der auf Grönland Siedlungen anlegte und Bjarnis, der Nordamerika wohl sichtete, sich aber nicht weiter darum kümmerte, gibt es einigermaßen gesicherte Quellen. Die Fahrten Leif Eriksons und seines Bruders Thorwald sollen hier nicht unerwähnt bleiben.
Auch nach ihnen zog es immer wieder Siedler in das sagenhafte Land. Herbert Buntze urteilt in seiner "Entdeckung der Erde 2 über diese Zeit:
"Es ist auffällig, dass die Hauptpersonen in diesen überlieferten Berichten der wikingischen Entdeckung Amerikas, mit Ausnahme Bjarnis, sämtlich aus einer einzigen Familie stammen: Erik der Rote als Ahnherr, seine Söhne Leif, Thorwald und Thorsten....Es handelte sich hier offensichtlich um die Chronik dieser Familie. Warum aber sollen die wagemutigen Söhne anderer Familien nicht ebenfalls neues Land gesucht - und gefunden - haben, von denen nur die Chroniken nicht bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben sind?"
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© 2001 by Charles Löffler