Kolonien in Nordamerika
Walter Raleigh ist auf der Jagd nach Geld, Ruhm und Ehre: Er hat in Frankreich für die Hugenotten gekämpft und in Holland für den Prinz von Oranien, er hat in Irland unbewaffnete Spanier niedergemetzelt und im nächsten Jahr Liebesgedichte geschrieben, er hat auf dem Atlantik das Feuer spanischer Kanonen überlebt und am Hof zu London die Königin Elisabeth verzaubert...
Was er aber noch vorhat, soll ihn noch reicher, berühmter und ausgezeichneter machen: An der Küste Nordamerikas will Walter Raleigh die erste englische Kolonie gründen! Ohne selbst dort gewesen zu sein, nennt er ein Stück des Kontinents "Virginia", zu Ehren der "jungfräulichen" Elisabeth, und schickt am 9. April 1585 die ersten hundert Mann über den Ozean. Werden sie sich behaupten?
Sir Francis Drake will es wissen und schaut deshalb auf dem Rückweg von einer Plündertour mal eben an Virginias Küste vorbei. Was er sieht, ist enttäuschend: Die Kolonisten sind ausgehungert, klagen über Indianerangriffe und flehen ihn an, sie alle wieder nach Hause zu nehmen. Und das tut er dann auch - ein Jahr, nachdem Englands Kolonialgeschichte begonnen hat, ist sie fürs Erste beendet.
1587 versucht Raleigh sein Glück zum zweiten Mal. Wieder segeln hundert Auswanderer los, diesmal auch Frauen und Kinder. Ihr Gouverneur, der Maler John White, sticht gleich nach der Ankunft wieder in See, um aus der Heimat Proviant zu holen. Dort aber wartet alles auf die spanische Armada, und obwohl Raleigh Elisabeths Flaggschiff bezahlt hat, darf er nicht die kleinste Galeone zum Schutz seiner Proviantschiffe abkommandieren. Das Jahr verstreicht, ohne dass White Nachschub liefern kann. Raleigh gibt auf: Die Versuche, ein Kolonialreich zu stiften, haben ihn 40.000 Pfund und seinen guten Ruf gekostet...
In den nächsten Jahren unternimmt niemand etwas in Sachen Virginia: Solange der Krieg mit Spanien dauert, sind Kontakte übers Meer zu unsicher. Als aber Elisabeths Nachfolger Jakob I. 1604 Frieden schließt, erinnern sich die Engländer schnell ihrer "verlorenen Kolonie": Bereits 1606 gründeten Londoner Kaufleute die "Virginia Company". König Jakob gibt ihnen die Erlaubnis, Amerika zwischen dem 34. und 41. Breitengrad zu besiedeln. Ihm zu Ehren nennen die ersten hundert Auswanderer den Platz, an dem sie sich niederlassen, Jamestown. Dieser Name bezeichnet bald einen Ort des Elends. 1611 findet der neue Gouverneur Thomas Dale die Kolonisten "undiszipliniert, gemein, aufsässig, völlig krank und unterernährt. Fast jeder beklagt sich darüber, dass sein Schicksal ihn hierher verschlagen hat."
Seine Empfehlung: Alle zum Tode Verurteilten vor die Wahl stellen, in England hingerichtet zu werden oder nach Virginia zu gehen! So käme er endlich zu ein paar Kolonisten, die nicht wieder zurück wollten...
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© 2001 by Charles Löffler