Teilung der Gewalten
Gleichwohl kündigte sich noch 1785 die Wende an, als sich Vertreter Virginias und Marylands auf dem Gut Washingtons einfanden. Dabei wurde allen Beteiligten bewusst, wie notwendig eine umfassende Reform mittlerweile war. So einigte man sich, Vertreter aller 13 Staaten zur Behandlung dieser Frage nach Annapolis einzuladen. Doch die Resonanz war enttäuschend: Nur fünf Staaten entsandten Delegationen, die noch dazu mit eng begrenzten Vollmachten ausgestattet waren.
Alexander Hamilton aus New York, der Vorkämpfer einer starken Nationalregierung, ließ sich davon nicht entmutigen, und auf sein Drängen hin forderte die Konferenz den Kongress auf, eine neue Konferenz nach Philadelphia einzuberufen, um "die Verfassung der Konföderation der kritischen Lage angemessen" umzugestalten.
Nur zögernd nahmen die Einzelstaaten diese Resolution an. Ihnen war klar, dass eine Reform ihre Kompetenzen einschränken musste. Erst am 25. Mai 1787 war die Mindestzahl von sieben Delegationen erreicht. Am Ende blieb aber nur Rhode Island der Konferenz fern.
Die 55 Teilnehmer rangen bis 17. September 1787 um Inhalt und Einzelheiten. Die große Linie war schnell gefunden: Der Konvent nahm nicht nur eine bloße Revision vor, sondern erließ eine völlig neue Verfassung. Grundzüge sollten die Dreiteilung der Gewalten, der Verzicht auf die Souveränität der Einzelstaaten, die Stärkung der Zentralgewalt, die Schaffung eines starken Präsidentenamtes und die direkte Repräsentation des Volkes sein.
Schwieriger wurde die Regelung der Einzelheiten. Das Ringen zwischen den Nationalisten und den Föderalisten, zwischen den bevölkerungsreichen Staaten des Nordens und den Flächenstaaten des Südens, endete schließlich im "Großen Kompromiss": Die Souveränität sollte ganz auf das Volk übergehen, das seine Abgeordneten direkt in das Repräsentantenhaus wählte. In die zweite Kammer, den Senat, entsandte jeder Staat je zwei Delegierte. An der Spitze der Exekutive stand ein starker Präsident. Die Judikative lag in den Händen des Obersten Gerichtes. Die drei Gewalten sollten sie sich gegenseitig kontrollieren und Gegengewichte bilden. Die erste demokratische Verfassung war entstanden, in der das Gedankengut der abendländischen Staatsphilosophie eingeflossen war.
Als am 17. September 1787 das Werk veröffentlicht wurde, da entbrannte sogleich in allen Staaten eine heftige Debatte - Zustimmung und Ablehnung hielten sich die Waage. Vertreter beider Seiten veröffentlichten Zeitungsartikel, Flugblätter und Resolutionen. Die größte Wirkung erzielten dabei Alexander Hamilton, John Jay und James Madison, die insgesamt 58 lange Aufsätze zur Rechtfertigung der starken Zentralmacht veröffentlichten, und die unter dem Titel "The Federalist" bis heute als die gründlichste Abhandlung zur Frage der Staatsverfassung gelten.
Noch während die öffentliche Diskussion in vollem Gange war, traten in den einzelnen Staaten Volksversammlungen ("Constitutional Convents") zusammen. In Delaware, Pennsylvania und New Jersey wurde der Entwurf schnell gutgeheißen, bis Anfang 1788 folgten Georgia, Connecticut, Massachusetts, Maryland und South Carolina. Als auch New Hampshire Ende Juni 1788 seine Unterschrift hinzufügte, trat die neue Verfassung in Kraft.
Ohne Blutvergießen war der Plan einer neuen Regierungsform vorgeschlagen, entworfen erörtert, debattiert und von der ganzen Bevölkerung angenommen worden. Die neue Verfassung gab allen Bürgern zwischen Maine und Georgia das Gefühl, Angehörige einer Nation zu sein...
Auf dem alten Kontinent blieb der Text der neuen demokratischen Verfassung mit ihrem Prinzip der Gewalteinteilung nicht unbekannt. Mit Sorge blickten die absoluten Monarchien Europas über den Atlantik, und Thomas Paine, der radikale Schriftsteller und grimmige Weltverbesserer, wagte die Prophezeiung, dass das von den Amerikanern verwirklichte Prinzip die "Mauern der Bastille sprengen" werde.
Drei Monate nach der Amtseinführung George Washingtons gab der "Sturm auf die Bastille" am 14. Juli 1789 in Paris das Signal für eine neue Zeit auch in Europa...
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© 2001 by Charles Löffler