Totempfähle und Erdhügel
Weiter nördlich, an den fjordartigen Ufern des Pazifik, schwammen die Indianer im Überfluss, den ihnen das Meer und die zuverlässigen Regengüsse an der Westfront der Rockies darboten.
Von Anchorage bis zur Nordgrenze Kaliforniens kann man die dort wohnenden Stämme als Gruppe "Nordwestküste" zusammenfassen. Da sie um ihren Unterhalt nicht hart ringen mussten, gedieh bei ihnen die künstlerische Produktion:
Korb- und Flechtwaren, prachtvoll geschnitzte Boote für den Verkehr an der Küste, Prunkkleider und schließlich die "Hauptattraktion": meterhohe Totempfähle, bunt bemalt und phantasievoll erfunden, zeugten vom Wohlstand dieser Gegend.
Wollte ein Häuptling Ruhm erwerben, dann gab er ein "Potlach-Fest" (vom Wortstamm "geben"). Das bedeutete, dass er den Nachbarstamm einlud und im Verlaufe einiger Tage Unmengen von Fleisch, Fisch, Saft und Süßigkeiten in seine Gäste hineinstopfte sowie sie mit Kleidern, Schmuck und Haushaltsgegenständen überhäufte.
Jeder Angehörige seines Stammes musste mitspenden, und kam am Ende doch auf seine Kosten, sobald die Nachbarn ihrerseits eine Einladung aussprachen - die war moralisch unvermeidlich.
Auf diese Weise konnten sich Häuptlinge und Stämme ruinieren, zumal wenn sie ihre Schätze, um ihren Reichtum nur ja recht zu beweisen, absichtlich kaputtmachten.
Es soll vorgekommen sein, dass ein Häuptling ein paar Sklaven umbrachte, um sie als Rollen unter das Kanu seines Gastes zu legen, wenn dies an den Strand gezogen wurde. Erst unter dem Auge der angelsächsischen Staatsmacht wurde derartigem Treiben ein Ende bereitet.
Über die Prärie-Indianer lässt sich sagen, dass sie nach dem Aussterben der Mammuts von riesigen Bison-Herden lebten und den Europäern dankbar waren, als sich deren entlaufene Pferde derart vermehrt hatten, dass sie den Stämmen der Prärie als Hilfe bei der Jagd dienten.
Weiter westlich, mit dem Schwerpunkt in Ohio, liegen die bemerkenswerten kulturellen Schöpfungen der Ureinwohner, die "mounds", Erdaufschüttungen von großen Dimensionen, in die insgesamt (es gibt zehntausende!) mehr Arbeit investiert worden sein muss als in sämtliche ägyptische Pyramiden!
Manche "mounds" haben die Form von Tieren, manche dienten als Begräbnishügel, manche trugen auf ihrer flachen Oberseite einen Tempel. Errichtet wurden sie von etwa 1000 v.Chr. bis in die spanisch/französische Kolonialzeit hinein. Hauptsächlich unterschieden werden "Begräbnis-" und die "Tempelmound-Leute". Sie stellten Kleinfiguren in Keramik her, dazu Schmuck aller Art, Tontafeln mit kunstvollen Mustern, dies alles auch als Grabbeigabe.
Wir können aus der Existenz der "mounds" schließen, dass eine Organisation bestanden haben muss, um viele Menschen zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuzwingen, also eine übergreifende politische Ordnung. Doch wissen wir mangels schriftlicher Zeugnisse nicht, wie dieser "Staat" (wenn es denn einer war) genau aussah, wer ihn trug, wie verschiedene Völker sich an der Macht abwechselten, usw..
Einfluss von den Hochkulturen Mexikos ist denkbar, aber nicht nachweisbar. Es geht schon weit, wenn aus dem Vorkommen bestimmter genetischer Schäden bei mehreren Knochenfunden in einem Grab auf eine Familiengruft und folglich auf eine "Dynastie" geschlossen wird.... Von den Tempeln ist nichts erhalten, da sie allesamt aus Holz gebaut waren.
Als die Spanier in Florida einrückten, fanden sie noch viele "mounds" in Funktion. Die letzten, die solche Anlagen bauten, waren die Natchez-Indianer im heutigen Bundesstaat Mississippi.
Sie wurden gegen 1730 von den Franzosen fast ausgerottet, und späteren Generationen blieb es vorbehalten, von einem sagenhaften Volk zu raunen, das nächtliche Kriegstänze auf den Stufen der "mounds" aufführte oder den Menschenopfern auf den Gipfeln der Erdpyramiden zuschaute....
Warum haben die nordamerikanischen Indianer niemals ein "Tenochtitlan" oder ein "Cuzco" zuwegegebracht? Das wird ebenso für immer ein Rätsel bleiben wie die Antwort auf die Frage, warum die Ur-Amerikaner denn vor ihrer Überschreitung der Bering-Straße nicht in den warmen Süden anstatt in den unwirtlichen Norden gezogen sind.
Übrigens: die Indianer sind nur "Rothäute", wenn sie ihren Körper bemalen, ansonsten eher von gelblicher Farbe, wie es für Mongolide natürlich ist.
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© 2001 by Charles Löffler