Zivilisation und Vertreibung
Dass Indianer durchaus zu eigener Zivilisation und Staatsbildung fähig gewesen wären, zeigte dann die Geschichte der fünf zivilisierten Nationen“, der Cherokee, Choctaw, Creek, Seminolen und Chickasaw, die im Südosten Nordamerikas wohnten.
An Kopfzahl waren diese Stämme denen des Nordens weit überlegen, weshalb die Freundschaft der Europäer durchaus eigenem politischem Interesse entsprang: Häufig besuchten die Indianer die Ansiedlungen der Weißen, die Häuptlinge wurden mit großem Gepränge empfangen.
Die Engländer luden ihre Häuptlinge sogar ins Mutterland ein, wo sie von Seiner Majestät huldvoll begrüßt wurden. Weiße Händler und Jäger machten sich ihrerseits oft in den Dörfern der Indianer ansässig und heirateten Indianerinnen. Unter den berühmten Häuptlingen dieser Stämme finden sich daher Namen wie Alexander McGillivray, William Weatherford oder John Ross.Schneller als alle anderen Indianer Nordamerikas machten sich diese fünf Stämme die höhere Lebensart der Weißen zu eigen.
Dies erstreckte sich nicht nur auf Behausung, Kleidung, Bodenbearbeitung und Viehzucht, sondern auch auf stammesorganisatorische Belange. Viele der ursprünglich eigenständig verwalteten Dörfer schlossen sich enger zusammen. Viele Indianer wurden Farmer und hielten sich sogar Negersklaven, die aber nicht rechtlos waren, sondern innerhalb des Stammes beachtlichen Einfluss ausüben konnten, wenn sie sich emporgearbeitet hatten.
1820 gründeten die Cherokee sogar ein eigenes Staatswesen nach amerikanischen Muster: Dabei spielte neben der natürlichen Begabung dieses Stammes auch das starke schottische Element eine wichtige Rolle: Ebenso wie bei den Creek hatten sich auch bei den Cherokee viele Schotten niedergelassen, vor allem in der Folge des Aufstandes von 1745, als viele Schotten ihre Heimat verlassen mussten und nach Nordamerika gingen. Da sie nach den Revolutionskriegen meist königstreu blieben, mussten sie vor den Amerikanern fliehen und ließen sich bei diesen Stämmen nieder. Der Stolz der alten Clans ging auf ihre indianischen Nachkommen über und prägte in starkem Maße das öffentliche Leben.
Den Schlüssel für den gewaltigen zivilisatorischen Aufschwung bildet aber der Geniestreich eines gewissen Sequoya, die Erfindung einer indianischen Schrift: Sequoya entstammte der Ehe einer Cherokee-Indianerin mit einem Weißen und war in jungen Jahren als Silberschmied und talentierter Maler weithin bekannt. Die immer stärkere Konfrontation mit der Welt der Weißen hatte die Cherokee in zwei Parteien gespalten, eine konservative und eine progressive. Sequoya stand auf der Seite derer, die strikt gegen eine Umstellung auf einen moderneren way of life waren. Den Anstoß gab, wenn man der Legende glauben will, die Prahlerei seines Neffen, der sich seiner in der Missionsschule erlernten Kenntnisse des Schreibens und Lesens brüstete. Sequoya soll zornig geantwortet haben, dass die Cherokee ihre Sprache genauso schreiben könnten wie die Weißen!
Das war bisher nicht der Fall gewesen. Auch die in der systematischen Beschäftigung mit fremden Sprachen geübten Missionare mussten vor den Schwierigkeiten der ungewöhnlich laut- und formenreichen Sprache kapitulieren.
In jahrelanger Arbeit gelang es Sequoya, 85 Silben herauszufinden, mit denen jedes Cherokee-Wort geschrieben werden konnte. Diese Silben stellte er durch Symbole dar. 1821 trat er mit seiner Erfindung an die Öffentlichkeit und hatte bald alle Zweifler überzeugt. Jeder Cherokee wollte jetzt lesen und schreiben lernen, und auch die ärmeren Schichten, die sich den Besuch von Missionsschulen nicht leisten konnten, waren nicht mehr vom Wissen ausgeschlossen. 1825 beschloss die gesetzgebende Versammlung der Cherokee die Anschaffung einer Druckerpresse; am 21. Februar 1828 erschien die erste Nummer des Cherokee Phoenix, einer in Cherokee und Englisch verfassten Zeitung.
Auch auf die Nachbarstämme strahlte diese Bildungsexplosion aus. Doch der weitere Aufstieg der fünf Nationen womöglich zu eigenen indianischen Staaten in der Union wurde von den Weißen brutal gebremst: zwischen 1828 und 1830 wurden mehrere Gesetze verabschiedet, die zur Vertreibung der Cherokee aus Georgia führten: Die Gesetze und Verordnungen der Cherokee sowie ihre Körperschaften wurden für abgeschafft erklärt, so auch das Gesetz, das jedem Stammesmitglied bei Androhung der Todesstrafe verbot, Land zu verkaufen. Ländereien und Goldminen sollten konfisziert und durch Los an die weißen Bürger verteilt werden.
Zentrale Figur in diesem bösen Spiel war der 1829 zum Präsidenten gewählte Andrew Jackson, ein höchst primitiv denkender Indianerhasser. Es kam zum berüchtigten Zug der Tränen, in dem die Cherokee mit Gewalt aus ihrem Land vertrieben wurden: General Winfried Scott trieb die Indianer zusammen. Wer versuchte sein Haus oder seine Wohnung zu verteidigen, wurde erschossen. Fassungslos mussten die Indianer ansehen, wie Weiße in ihre Wohnungen einzogen und sich unter dem Schutz amerikanischen Militärs der Habseligkeiten der Vertriebenen bemächtigten.
Ähnliches ereignete sich auch noch während der Umsiedlung als Weiße wie Aasgeier dem Zug folgten. Mehr als 4000 Menschen starben während des Zuges. Die von der Regierung bestellten Lieferanten hatten absichtlich verdorbene und mangelhafte Waren geliefert und damit die Politik ihres Freundes Jackson unterstützt.
Mit der Vertreibung der fünf zivilisierten Nationen über den in den Verträgen großzügig als ewige Indianergrenze bezeichneten Mississippi war die Geschichte der freien Waldlandindianer brutal zu Ende gegangen. Auch sie zählt zu den vielen unbewältigten Kapiteln der nordamerikanischen Geschichte!
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© 2001 by Charles Löffler